Projekt – Axel und Wibke Müller „Landschaftsspuren“ – Ausstellung

 

Christian W. Thomsen

AXEL UND WIBKE MÜLLER: LANDSCHAFTSSPUREN

Liebe Kunstfreunde aus Netphen und der weiten Welt,

wenn ich im Erinnerungsbuch meiner ca. 100 Ausstellungseröffnungen im Verlauf der letzten 50 Jahre blättere, so hatten wir da durchaus schon Künstler-Ehepaare, Mütter und Töchter, aber noch nie einen Vater mit seiner Tochter als zwei eigenständige Künstlerpersönlichkeiten vorgestellt. Also, Axel und Wibke, Ihr verkörpert ein Novum in unserer Zusammenarbeit mit Künstlern, seid herzlich willkommen!

Im Siegerland hat sich ja seit Gründung der ehemaligen Gesamthochschule und heutigen Universität eine breite, eigenständige Kunstszene herausgebildet. Für den echten Siegerländer ist jedoch alles westlich der A45 noch immer mit dem Gefühl von Abenteuer und Ausland behaftet, obwohl schon lange keine Bäumer erst Wegzoll verlangen, bevor sie ihre Schlagbäume heben. Die oberbergische Kunstszene ist hierzulande ebenso wenig bekannt, wie umgekehrt die Oberbergler nur selten vom Siegerland Notiz nehmen. Sie richten ihren Blick gewohnheitsmäßig gen Köln und das Rheinland. Für uns als Neuankömmlinge vor 46 Jahren, hat das nie gegolten. Und seit Gründung des Kunstkabinetts in Reichshof-Hespert vor 26 Jahren, mit seinem Kunst-Tausendsassa Bodo Gerono an der Spitze, hat es sich ergeben, dass wir in die dortige Kunstszene genauso hineingewachsen sind, wie in die Siegerländer Szene. Dabei haben sich herzliche Freundschaften mit kunstinteressierten Oberberglern gebildet. Zu ihnen zählt seit vielen Jahren auch Axel Müller. Und eine der Hauptfragen, die sich angesichts der so verschiedenen Arbeiten von Vater und Tochter Müller stellen, ist ja die nach der künstlerischen Wahrnehmung und Verarbeitung von Landschaft. Wie wird Landschaft wahrgenommen? Was findet, in welcher Art, Eingang in den künstlerischen Schaffensprozess?

Wir kamen seinerzeit ins Siegerland, als der Bau der A4 von Köln nach Olpe zwar begonnen hatte, aber noch Jahre andauerte, während derer man sich auf einer Fahrt nach Köln durch Bergneustadt, Gummersbach und Engelskirchen auf übervollen Land- und Bundesstraßen quälte und einem dadurch die schöne und vielgestaltige bergische Landschaft verleidet wurde. So blieben eigentlich nur die üblichen Stop- and Go-Impressionen überlasteter Stadt- und Landstraßen und wenige positive Landschaftseindrücke im gestressten Automobilisten-Hirn haften.

Dauerte seinerzeit, Anfang der 70er-Jahre, die Autofahrt von Siegen nach Köln noch mehr als 3 Stunden, so hat sich das, vor allem seit der HTS-Anbindung der A4 bis ins Siegener Stadtzentrum, auf weniger als 60 Minuten verkürzt. Zur Erinnerung: 1850 nahm die Fahrt mit der Express-Postkutsche von Siegen nach Köln 2 Tage und 8 Stunden in Anspruch. Von Netphen bis Siegen kamen noch einmal 1,5 Postkutschen-Stunden hinzu.

35 professorale Dienstjahre mit Arbeitsaufenthalten und Gastprofessuren in vielen Ländern haben mich erkennen lassen, dass die fertige A4 nach Köln, mit ihrer überaus gekonnten Einbettung in die Landschaft, zu den schönsten und anspruchsvollsten Straßenbauten der Welt gehört. Jedoch nimmt man jetzt die oberbergische, sich allmählich in die Köln-Bonner Bucht senkende Landschaft mit Tempo 150 nur noch als vorbeihuschenden Film wahr.

Seit unsere Familie vor 20 Jahren auch noch zu einer Familie von Ballonfahrern wurde, hat sich eine weitere, ganz andere, intimere und intensivere „Landschaftswahrnehmung“ bei uns herausgebildet.

Aus 1000 – 2000 m Höhe erlebt man beim ruhigen Dahingleiten und –schweben des Ballons, nur unterbrochen von gelegentlichen fauchenden Feuerstößen des Brenners, die Landschaft unter sich mit ihren deutlich sichtbaren Veränderungen vom Bergischen ins höher gelegene Sauer- und Siegerland mit großer Intensität und vielen Details.

Zum Ballöner gehört aber auch noch eine zweite, eine Bodenperspektive, nämlich die des Verfolgers, der schließlich den gelandeten Ballon bergen und auf dem Anhänger wieder nach Hause bringen muss. Da fährt man, immer mit einem Auge auf der Straße und dem anderen am Himmel, über Berg und Tal, späht auf den Höhen nach dem Ballon, verfranzt sich in den Tälern, verliert gelegentlich den Funkkontakt und atmet schließlich erleichtert auf, wenn man seinen Ballon auf einer Kuhweide oder Talwiese, gleich hinter einer gefährlichen Hochspannungsleitung bei Morsbach gefunden hat. Im Endeffekt führte das zu einer so intensiven Vertrautheit mit der siegerländisch, sauerländisch, bergischen Landschaft, dass diese zur echten Heimat von Leib und Seele wurde.

Und Wiehl ist dem Ballonfahrer vor allem als eines der deutschen Zentren des Heißluftballonsports bekannt das schon mehrmals deutsche und sogar in Australien einen Weltmeister gestellt hat. An Einwohnerzahl ist Wiehl beinahe identisch mit der von Netphen. Während letztere sich auf den Kern Ober- und Niedernetphen mit ca. 6.000 Einwohnern konzentriert und 20 weitere Dörfer umfasst, sind es bei annähernd gleicher Stadtkerngröße von Wiehl, 50 dazugehörige Dörfer, mitunter nur Flecken mit 5 – 12 Einwohnern, die sich auf die übrigen 19.000 Bewohner verteilen.

In Wiehl hat der 1961 in Bergneustadt geborene Axel Müller 1982 Abitur gemacht und nach der Bundeswehr in Essen an der Folkwangschule Kunst und an der seinerzeitigen Gesamthochschule Geschichte studiert. Er schloss seine Examina mit Auszeichnung ab, absolvierte den Vorbereitungsdienst zum Lehramt in Kierspe, Hagen, Lüdenscheid, also im Sauerland, begann seinen Schuldienst 1995 an einer Gesamtschule in Remscheid und wechselte 3 Jahre später an die Gesamtschule Reichshof, deren gymnasiale Oberstufe er mitaufbauen half, und wo er heute als Studiendirektor für die Fächer Kunst und Geschichte, als Oberstufen-Beratungslehrer sowie als schulischer Koordinator für Kunst und Kultur wirkt.

Axel Müller ist also ein Oberbergler von reinstem Schrot und Korn. Schon im elterlichen Keller begann er, auf Sackleinwand mit Pappe als Malgrund zu malen. Während des Studiums und danach strebte Axel schnell weg von konventioneller Malerei, fing schon vor 30 Jahren an, Reliefs, Collagen, dreidimensionale Arbeiten aus verschiedensten Papieren, Kartons, Pappe zu formen, mit einer Vorliebe für jenes feine, schwarze Seidenpapier, das wir alle aus unseren Schuhkartons kennen.

Bereits während des Studiums geriet Axel unter den Einfluss von Joseph Beuys, dem damals kaum jemand entkommen konnte. Daneben aber begann er, sich anhaltend für jene vom herausragenden italienischen Kunstkritiker und –kurator Germano Celant „arte povera“ benannte Richtung zu interessieren. Diese „arme“ Spielart moderner Kunst benutzte für ihre Werke einfache Alltagsmaterialien wie Erde, Glas, Holz, Bindfäden u.a. die sie zu Installationen verarbeitete.

Solche Interessen deuten schon darauf hin, dass wir es im Falle Axels und seiner Tochter Wibke bei einer Ausstellung mit „Landschaft“ im Titel nicht um die Gattung Landschaftsmalerei im üblichen gegenständlichen Sinne, so wie Porträt, Stillleben, dem Historienbild u.a. Gattungen, geht, sondern bei ihm um Arbeiten, die in die Dreidimensionalität streben und bei Wibke um stark abstrahierte, tatsächliche Spuren von Landschaftsdarstellung, die der Fantasie des Betrachters weiten Spielraum für Interpretationen gewähren.

Zu den prominentesten Vertretern der „arte povera“ zählen Mario Merz, der die Welt mit immer neuen Iglus aus verschiedensten Materialien als Metapher für die ursprüngliche, organische Form menschlicher Behausung beglückte, oder der Brite Andy Goldsworthy mit wunderbaren, farbenprächtigen, aber schnell vergehenden Blüteninstallationen auf Wasserflächen oder einer unserer echten Familienfreunde, der Venezianer Fabrizio Plessi, der schon früh begann, moderne Licht- und Computermedien mit Naturmaterialien zu verbinden.

Angeregt durch die genannten und andere Künstler entdeckte Axel Müller Speicher als Lebensthema. Wenn wir heute von Speichern und ihrer Kapazität reden, denken wir in erster Linie nicht an Dachböden, Vorratskeller, Lagerhäuser, sondern an die Datenspeicher von Computer-Festplatten oder die der „Cloud“, einer Wolke, die in Wahrheit aus riesigen Serverstationen mit komplizierter Hardware besteht. Sie sind mit Vorliebe in Finnland angesiedelt, weil dort der Strom so billig ist.

Axel aber denkt bei Speichern an archaische Vorratsbehälter, welche die Menschen seit Urzeiten zum Sammeln und zur dauerhaften Aufbewahrung von lebenswichtigen Vorräten erfunden und konstruiert haben.

Hier kommt der ja allzeit neben und in dem Künstler Axel Müller existierende Historiker ins Spiel. Der möchte einfach wissen, wie einfallsreich Menschen in früheren Zeiten ihre Bevorratung gelöst haben. In der Natur von heute entdeckt er vor allem Schotenfrüchte als ideale Samen- und Fruchtspeicher und integriert sie in seine Installationen. Dadurch angeregt aber erfindet er aus Leinen, Holz, Pappe, verschiedensten Papieren, eigene Speichersäcke, Früchtekästen, schwebende Blütenspeicher, poesiegeladene Behälter für Rosenblüten, Lindenblüten, Farne, Lavendel, Knospen exotischer Früchte und verwendet sie als Kunstobjekte: Hängend, schwebend, als Rollen-, Hänge- und Klappspeicher entwickeln sie ihre eigene Ästhetik.

Letztere entfaltet sich, mitunter weit von der ursprünglichen Anlehnung an Naturgebilde entfernt, in ganz neuen Schoten und anderen Behältern von eigener Schönheit und Anmut. Fürs Siegerland passt das sozusagen wie erfinderisch angegossen. Der Behälter- und Apparatebau, „Rat am Apparat“, ist schließlich einer der zentralen Industriezweige unserer Region. Die Schote gewissermaßen als Naturform, die zur künstlerischen wie zur technischen Weiterentwicklung neuer naturnaher, organischer Speichermedien in Haushalt  und Industrie anregt, der Natur abgeluchster „Apparatebau“ eben.

Axel jedoch betreibt seine Forschungen und Behältererfindungen multisensorisch. Mit Vorliebe sammelt er, angefangen vom eigenen Garten und den Gärten seiner Nachbarn, bis in entferntere Gärten, Wälder und Felder Rosen- und Lindenblüten als zarte Spurenzeugen der heimischen Landschaft. Er nimmt aber auch Lavendel, Zimt und allerlei andere Gewürze als Spuren der jeweiligen Regionen in seine Objekte auf, um damit alle unsere Sinne zu stimulieren. Und so bestückt er mit all dieser duftenden Vielfalt geradezu  olfaktorisch – virtuos seine Speicher.

Mediziner, Optiker und Medienprofis behaupten aufgrund vieler Tests, dass wir Menschen in entwickelten Industriestaaten der Gegenwart 85 % all unseres Welterlebens und –erfahrens über den Gesichtssinn des Auges wahrnähmen. Dabei verkümmern, wenn nicht regelmäßig trainiert, allmählich unsere anderen Sinne, vor allem der Geruchssinn. Unsere Hunde sind ja bekanntlich farbenblind. Aber sie sehen und erkennen Welt ganz wesentlich mit ihrer Nase.

Axel integriert die Welt der Düfte in seine Kunstspeicher: als Bodeninstallationen, als Pendel von der Decke hängend, an Schnüren aufgehängt als schwebende Blütenspeicher. Besonders reizvoll sind in dieser Hinsicht die Entwurfszeichnungen seiner Kunstobjekte, die ihn geradezu als Künstleringenieur ausweisen.

Zusammen mit Inge, meiner Frau, habe ich im provençalischen Grasse, dem Zentrum der französischen Parfum-Industrie, zweimal Führungen durch Labore und Herstellungsfirmen teurer Parfums gemacht. Einmal nahm ich in Siegen an der Uni auch an einem Workshop bei einem jener, „Nasen“ genannten, 10 – 15 Extrem-Spezialisten, die es auf der Welt gibt, teil. Sie können in ihrer Nase tausende von Düften speichern und miteinander kombinieren. Diese wenigen „Super-Nasen“ beraten die gesamte einschlägige Industrie bei der Erfindung und Herstellung neuer Düfte.

In Grasse aber konnte man Räume sehen, in denen viele Zentner Rosenblüten und Blüten exotischer Pflanzen und Blumen gelagert waren. Wenn man bedenkt, wie wenig so ein Rosenblatt wiegt, waren das ungeheure Mengen und Werte.

Axel Müller ist da bescheidener, aber ebenfalls ingeniös. Und als Erfinder poetisch aufgeladener Speicher mit multisensorischer Ästhetik, die zu neuem Sehen und Erleben seiner Kunstgebilde anregt, begibt er sich auf seinen ganz eigenen Weg.

Was mir da noch fehlt, sind Klangkörper-Duft-Schoten aus original oberbergischer Zucht, deren klingenden Inhalt man schmecken und auch essen kann. Eine neue Form von „eat art“ also. Das ist sicher nicht billig, aber prinzipiell wahrscheinlich machbar. Das könnte ja in Zusammenarbeit mit Jochen Fassbender geschehen, mit dem wir hier für Mai 2019 eine Klangevent-Kooperation planen.

Immerhin hast du, lieber Axel, deine Schotengebilde bereits zur Serienreife entwickelt. Du bist noch rüstig und voll dabei, das lässt mich für meinen 80. Geburtstag hoffen. Jedoch, ohne Flax, Axels Kunstkörper und –objekte könnten, angelehnt an Retrospektiven auf alte Bauernhäuser mit ihren ebenerdigen Lehmboden-Kellern und großen Tongefäßen, wie sie in einigen Beispielen auch hier, im Netpherland noch zu finden sind, Denkanstöße für neue, organische, naturnah-ökologische Vorratsspeicher der Zukunft liefern. Sie könnten ohne oder mit geringer Zufuhr von elektrischer Energie Vorräte über längere Zeit speichern und frisch halten, benötigten keinen Kellerraum und böten überdies als Kunstobjekte noch multisensorisch-ästhetischen Reiz.

Und nun zu Wibke Müller. Diese junge Frau wird im nächsten Monat erst 23. Und angesichts ihres jugendlichen Alters ist das, was sie bisher geleistet und vorzuweisen hat, in höchstem Maße erstaunlich.

Wibke hat 2014 am Gymnasium in Wiehl ihr Abitur abgelegt und gleich darauf ein Freiwilliges Soziales Jahr an der internationalen Kunstakademie Heimbach in der Eifel begonnen, wo sie Pressearbeit leistete, Besucherführungen durch die Akademie und Ausstellungen machte und bei der Organisation von Kunstworkshops im Bereich der bildenden Kunst mitarbeitete. Das Jahr bis zum Beginn ihres Studiums der Kunstpädagogik in Gießen war außerdem mit einer Reihe von ehrenamtlichen Tätigkeiten im Bereich künstlerischer Jugendarbeit mehr als ausgefüllt.

Bekanntlich fällt ja, wie das Sprichwort schon sagt, die Birne nicht weit vom Apfelbaum, d. h. im Falle Wibkes, es liegt in ihren Genen und sie besaß kaum eine Chance, ein anderes Studium als das der Kunst aufzunehmen. Sie war jedoch realistisch genug, dies mit einer Option aufs Lehramt zu verbinden, da ihr von vornherein klar war, wie unsicher und entbehrungsreich Karrieren als freie Künstler sind. Der Spruch von der brotlosen Kunst basiert auf vielen Lebensrealitäten ebenso wie die Frage: „Was macht die Kunst?“ und die Antwort: „Die Kunst geht nach Brot.“ Ihre positiven Erfahrungen in Heimbach, wo ja auch die Siegerländer Künstlerin Annette Besgen häufig als Dozentin wirkt, dürften Wibke in ihrem Entschluss bestätigt haben. Ihre zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Bereich der Kunstpädagogik unterstreichen ein echtes pädagogisches Interesse, während ein Dilemma vieler Künstler an Akademien ja darin liegt, dass sie eigentlich gar keine Lust haben, zu unterrichten. Sie tun dies gezwungenermaßen lediglich deshalb, weil sie eben nach Brot gehen müssen. Aber eigentlich möchten sie sich stets selbst verwirklichen. Deshalb sind oft gerade berühmte Künstler als Professoren an Kunstakademien fehl am Platz. Ihre Studierenden stören sie nur in ihrer eigenen Kunst, fallen ihnen lästig, wohingegen gute Pädagogen oft selbst nur mittelmäßige Künstler sind.

Wie sich dieses Problem bei Wibke lösen lässt, wird die Zukunft zeigen. Doch scheinen mir die Voraussetzungen angesichts ihres echten pädagogischen Interesses und eines Vaters, der stets zwischen seiner eigenen Kunst und dem, was er an der Schule unterrichtet, zu trennen weiß, gut. Und was ihre eigene Kunst angeht, so kann ich nur aufgrund der wenigen Bilder, die ich bisher gesehen habe, ein Urteil fällen. Überdies sind wir uns im wahren Leben erst dreimal begegnet.

Während Axels hier ausgestellte Arbeiten, wie erklärt, nur indirekt und vermittelt mit dem Ausstellungsthema „Landschaftsspuren“ verbunden sind, betitelt Wibke ihre kleine Broschüre mit den Arbeiten aus den Jahren 2015 bis 2018 ausdrücklich „Landschaften – landscapes“. Darin werden, vor allem unter den „Acryl auf Papier“-Arbeiten der Jahre 2017 und 2018 auch vielerlei Landschaftsbezüge sichtbar, während die Arbeiten aus den ersten Studienjahren 2015 und 2016 mehr die Einübung in verschiedene malerische Techniken und Materialien demonstrieren, wie Aquarell, Frottage, Collage, Kohle- und Tusche-Zeichnung, solche mit Kugelschreiber oder auch Acryl auf Steinpapier. Sie zeigen zumindest, dass Wibke schnell gelernt hat, verschiedene Techniken zu beherrschen.

Nun darf man sich unter dem Sammeltitel „Landschaftsspuren“, wie erwähnt, auch keine realistischen Bilder mit Themen wie „Kühe auf der Weide hinter Müllers Haus in Oberwiehl-Büttinghausen“ vorstellen, sondern es geht hier um das Sichtbarmachen von Strukturen, um verdichtete Ahnungen von geologischen Landschaftsformationen, verbunden mit dem Ausprobieren von Farbeffekten, vornehmlich von Wibkes Lieblingsfarbe „Blau“.

Vermutlich auf Fotos basierende, abstrahierte, ästhetisch überzeugende Waldbilder zeigen dann einen Wechsel zu figurativen Arbeiten an. Diesen Wechsel vollzieht Wibke auch in ihrem Alltagsleben: Denn nach vier Semestern kunstpädagogischen Grundstudiums in Gießen, mit zwischenzeitlichem Wohnsitz in Marburg, wechselt sie zu Beginn des Wintersemesters 2017/2018 zum Kunststudium an die Uni Duisburg-Essen. Damit verbunden ist natürlich auch ein Wechsel der Lebenssituation, erst von der ländlichen Idylle Wiehl in die architektonisch wenig aufregende Mittelstadt Gießen, das ja architektural ebenso mittelmäßig, bürgerlich verschnarcht ist wie Weidenau, nur platt und ohne reizvolle Weidenauer Hügelketten. Dann nach Marburg mit seiner wunderbaren, geschichtsträchtigen Stadt- und Schlosskulisse, und nun in die pulsierende, künstlerisch attraktive, jedoch mit vielen Problemen beladene Großstadtszenerie Essens.

Das wirkt sich sofort auf Wibkes Bilder aus. Wibke entdeckt Farben, Farbkombinationen, Farbkompositionen und Farbkontraste. Sie experimentiert damit, lässt figurative Anklänge  an Licht und Wolken an die ländliche Weite und Räume der oberbergischen Heimat ebenso durchklingen wie die abstrahierte historische Altstadtsituation Marburgs und nun die unruhig bewegte Wucht der Hochhäuser Essens.

Und dann kam jener 12. August 2018, an dem wir uns bei flirrender Hitze im Hause und in der Ateliergarage ihrer Eltern trafen. Da standen und lagen sie, eine Vielzahl neuer Acryl- und Aquarellbilder in kleinen Formaten, temperamentvolle Landschaftsformationen in Blau-, Grau-, Rot- und Schwarztönen, die den Betrachter sofort zu persönlichen Assoziationen und Interpretationsansätzen anregen. Als Höhepunkte jedoch drei größere Formate, die mich, wäre ich ein Inuit / Eskimo, selbst bei dieser Hitze noch von jedem Schlitten gerissen hätten.

Eine neue Wibke voller Temperament und optimistischer Lebensfreude, angedeutete Gebirgs-, See- und Talformationen in leuchtenden Orange-, Rot- und Blautönen, kraftvoll und zart zugleich, eine Lust für Auge und Gemüt. Am besten geradewegs zum Mitnehmen. Wie befreit wirken diese Bilder, Urlaubsreminiszenzen an Hochgebirge, Wechsel des Lebensumfelds, vielleicht auch Liebe, all das drückt sich in diesen kompositorisch so gelungenen Acrylbildern aus.

Wibke sagt im Gespräch auf die Frage, wie die neue Umgebung auf sie wirke, dass sie sich am liebsten treiben lasse und dabei Eindrücke von Stadt, Parks und Landschaften auf sich wirken lasse. Perambulieren, beim Herumstreifen und Durchwandern genießen, nannten es vornehm die Römer, aber auch die adligen Park- und Landschaftsgärten-Gestalter des 18. Jahrhunderts mit ihren berühmten Gartenarchitekten wie in Wörlitz, Branitz, Muskau, Babelsberg und auch dem Netphen partnerschaftlich verbundenen Schlosspark von Zagan. Das Ziel ist jedes Mal, Stadt-, Park- und Gartenlandschaft mit allen Sinnen auf sich einwirken zu lassen, sie quasi aufzusaugen und dann innerlich zu verarbeiten, so dass daraus neuerlich Kreativität entstehe. Das erinnert mich an meine eigene Jugend, in der ich, exakt in Wibkes Alter, zwei Jahre in London studierte und mir zusammen mit meinem Freund Michael Fiedler, auf zahllosen langen Spaziergängen und Fahrten im Oberdeck der roten Doppeldeckerbusse, gleich über dem Fahrersitz, bei bester Rundumsicht die Stadt ganz anders als bei Aufenthalten in Paris oder Los Angeles, zu eigen, zur zweiten Heimat machte, was sie im Innersten bis heute geblieben ist.

Wibke aber zeigt sich in ihren neuen Bildern als eine ungemein vielversprechende, junge Künstlerin. Sie wird ihren Weg finden und gehen und der wird, dessen bin ich sicher, noch für viele Überraschungen gut sein.

Lehrer Müllers Kind gedeiht also offensichtlich, während ihr Vater munter weiter mit Blüten, Schoten, ihren Samen und Düften experimentiert, uns und Ihnen zur Freude an dieser Ausstellung.