Kafka-Käfer-PROJEKT TRAUMWELTEN

Kunstdialoge mit Kafka: Käferträume und Schlossbesuche.

Gemeinschaftsprojekt mit Marianne Demmer

INFOTEXT  TRAUMWELTEN

Dieses Buch nimmt sich anhand von zwei Ausstellungen eines Autors an, der zur Zeit wieder international breit diskutiert wird: Franz Kafka. Zum Dialog und zur künstlerischen Auseinandersetzung dienen drei weltberühmte Texte Kafkas, seine Erzählung Die Verwandlung (1912), der Brief an den Vater (1919) und sein Romanfragment Das Schloß (1922/24).

In ihrer Kreuztaler Ausstellung von 2018 geht Marianne Demmer, im Gegensatz zu Kafka, der behauptet, sein Text sei nicht fiktiv, sondern schildere reales Geschehen, von der Hypothese aus, die gesamte Erzählung basiere auf einem Traum. Das gibt ihr die Freiheit, sich ihren jungen Kafka in steter Verschränkung von Text und Bild in verschiedene Verwandlungsstadien vom Menschen zum Käfer und in Käfer-Kampfszenen mit dem patriarchalischen Vater hineindenken zu lassen. In Umkehr zu Kafkas Schluß endet dieser Prozess intensiver Bildfolgen nicht in Verzweiflung, Selbsterniedrigung und Auslöschung als menschenunwürdiges Geschmeiß. Nein: Demmers Käfer lernen sich als Individuen zu finden und verlassen erhobenen Hauptes die künstlerische Bühne.

2019 ergab sich die Gelegenheit zu einer zweiten Ausstellung in der neuen Teilbibliothek der Universität Siegen im Wittgensteiner Flügel des von der Universität übernommenen und totalsanierten Unteren Schlosses in Siegen.

Dieser Flügel hatte bis 2011 als Gefängnis gedient. Demmer / Thomsen beschlossen, nicht einfach eine Replik der Kreuztaler Ausstellung zu liefern, sondern mit Hilfe von Kafkas Romanfragment Das Schloß, in dem sich durchaus Anklänge an die Historie von Siegens Stadtschloss finden lassen, eine ganz neue Ausstellung zu konzipieren.

Thomsen ließ die Schlossgeschichte vom ehem. Franziskanerkloster über jahrhundertelanges Dornröschendasein als Behördenhaus bis zu seiner neuen Blüte als Universitätsfakultät und  die von ihm ausstrahlenden innerstädtischen Zukunftsplanungen Revue passieren. Demmer, abermals im Gegensatz zu Kafka, erlaubte dessen alter ego, dem Landvermesser K., ins Labyrinth des Schlosses, sprich hier die Bibliothek, einzudringen und dort Käferexperimente mit Bruchstücken ehemaligen Gefängnis-Mauerzellen zu vollführen. Verpuppte Anspielungen an Jakob Scheiners berühmtes Siegbrückenbild von 1850 lassen sich in jedem dieser Käfer finden. Außerdem siedelt ihre Phantasie zwei berühmte Künstler des  20. Jahrhunderts, Magritte und Matisse, in Zellen des ehemaligen Gefängnisses an, welche sie opulent ausmalen und wo sie von K. besucht werden. Besonderes Vergnügen bereitete beiden Autoren der mehrmalige Einsatz von Grandvilles klerikaler Käferparade, Famille des Scarabées (1829), welche sie den Schlossberg hinauf in die Bibliothek paradieren und schließlich im ehemaligen Schwurgerichtssaal tanzen lassen.

So ist ein facettenreiches Werk entstanden, das Texte Kafkas zu positiven Kraft-Quellen umdeutet und mit Humor, Phantasie und sprühender Sinnlichkeit Dialoge zwischen Kunst, Literatur und Wissenschaft bildreich und textlich pointiert in Szene setzt.

Zum biographischen Abschluss nehmen drei Weggefährten Christian Thomsens zu seiner wissenschaftlichen und schriftstellerischen Karriere Stellung und Marianne Demmer reflektiert im Hinblick auf Kafka ihre künstlerischen Herangehens- und Arbeitsweisen, insbesondere ihre DigiART mit dem Computer.