Projekt „Rudolf Bieler und Dorothee Jasper „Naschbilder und Reisetrouvaillen“ – Ausstellung

Dok1
Ausstellung im „kulturbahnhof kreuztal“ – 23.6. – 18.9.2016 – Vernissage: 23.6. um 19 Uhr

DER NASCHKATER UND DIE MAGIERIN

Anmerkungen zu Rudolf Bielers und Dorothee Jaspers „Naschbildern und Reisetrouvaillen“

Die Nummer XXXII im Rahmen unserer Kulturbahnhofsausstellungen präsentiert ein Novum. Zum ersten Mal stellt ein Ehepaar gemeinsam aus: Rudolf Bieler neueste „Naschbilder“ und seine Frau Dorothee Jasper Objektkästen und Reisealtäre. Beide sind waschechte Siegerländer mit Schreinern als unmittelbare Vorfahren. Das erklärt bereits manches an ihren Vorlieben des Konstruierens und Gestaltens mit Holz. Rudolfs Vorfahren allerdings sind, wie viele andere, schon im 17. Jahrhundert aus Tirol eingewandert, während die von Dorothee seit Menschengedenken und weit darüber hinaus, mit wenigen Sauerländer Einsprengseln, Lehrer, Pastoren und Schreiner im Siegerland gewesen sind. In diesem Familienberuf arbeitet auch Sohn Felix, zurzeit in Vancouver und auf Vancouver Island.

Vor 25 Jahren haben die beiden schon einmal eine Ausstellung gemeinsam bestritten, die Eröffnungsausstellung des Siegener Kultur!Büros mit dem poetischen Titel „Salamanderspaziergänge und Bienenvergnügen“. Rudolf war seither als Musiker mit verschiedenen Bands und Ausstellungen seiner Bilder eigentlich stets ein Bestandteil der Siegener Kunstszene, wenn auch nicht an vorderster Stelle, doch die Autodidaktin Doro machte sich nach den 90er Jahren im Gegensatz zu ihrem malerei- und graphikstudierten Mann rar, ja als Künstlerin unsichtbar. Sie betreibt gemeinsam mit einer Kollegin in der Oberstadt die Boutique „Kolibri“. Einer muss in einer Künstlerehe schließlich das Geld verdienen. Meine Frau Inge kauft dort seit vielen Jahren einen Teil ihrer Garderobe und ich ihr bald jedes Jahr eine modische Kette. Die werden immer erst mit Vergnügen an Doros Hals ausprobiert.

Als ich Rudolf vor zwei Jahren für den Kulturbahnhof nominierte, waren es seine narrativen, seriellen, emblematischen vielfarbigen, poetisch-versponnenen Naschbilder mit ihrer wiederkehrenden Zeichensprache und ihrem hintergründig skurrilen Humor, die mich dazu bewogen. Als wir uns dann vor drei Monaten trafen und er mir eröffnete, dass er gemeinsam mit Doro diese Ausstellung beschicken wolle, habe ich mich unbändig gefreut.

Denn ich habe den Fortgang von Doros Arbeiten viele Jahre lang vermisst und konnte mir nicht vorstellen, dass sie der Kunst endgültig Adieu gesagt habe. Hat sie auch nicht ganz, sondern sie werkelte quasi im Verborgenen. Wir besitzen aus den 90er-Jahren vier Arbeiten von ihr, die mir in besonderer Weise ans Herz gewachsen sind. Eins trägt den Titel Unterwasser-Radio. Es ist auch das Titelbild des Einblick-Katalogbandes des Kreises Siegen-Wittgenstein von 1991. Das einem alten Vorkriegs-Volksempfänger-Radio nachgebildete, offene Holzgerüst trägt auf seinem nagelbestückten, runden Rücken viele kleine Fische und in seinem offenen Inneren einen wunderschönen, mittelgroßen Fisch mit Glotzaugen und geöffnetem Maul. Ursprünglich war es ein Kämmbrett für Felle aus der Gerberei von Theo Jüngst in Eschenbach. Das ist nicht nur höchst anschaulich ein Paradox, der unter Wasser singende Fisch, es evoziert auch sofort Christian Morgensterns Gedicht „Fisches Nachtgesang“. Das ist eigenwillig humorvoll und zeugt von einer individuell geprägten, naturnahen Ästhetik, die auch die Partner Rudolf und Dorothee eng verbindet.

Die drei anderen Arbeiten in unserem Besitz sind ebenfalls aus Natur- und Gebrauchsfundstücken komponierte Artefakte. Das eine ist ein Schlangennest mit Häutungsresten ihrer ehemaligen Bewohnerin. Es evoziert sofort, Nest, Geborgenheit, Wiedergeburt, Geheimnis, leichtes Gruseln, so man Angst vor  Schlangen hat, aber auch einen Anteil von Geheimnis und Magie.

Das nächste ist ein auf einem kleinen Brett befestigtes Stück Kaninchenfell, an dem, fein zusammengerollt, mindestens 100 alte Brieffragmente hängen. Immer wieder habe ich über Jahrzehnte dieses Fell gestreichelt, über die Buchstabenfragment-Röllchen gerätselt.

Das letzte schließlich stellt einen Kopf dar, der aus einem Siegerländer Blaubeer-Rechen geformt ist, dem zwei umgedrehte Teesiebe als Augen dienen, ein Holzstück als Nase und ein halbierter, offener Fischrücken als Mund, in dem ein Stück Schlangenhaut Kiefer und Zähne bildet. Springtime Diagrammsequenzen / Häutungen nannte sich denn auch die von der Galerie meiner Frau Inge 1999 kuratierte Ausstellung von Werken der beiden in der IHK Siegen.

Trouvaillen sind bekanntlich nichts anderes als triviale Fundgegenstände, gefunden auf Reisen, auf Wanderungen, Spaziergängen, bei der Arbeit etc., die ursprünglich mit Kunst nichts zu tun haben. Im Umkreis des Dadaismus und des Surrealismus aber bildeten sie, in neue Sinnzusammenhänge ästhetisch eingebunden und verändert, schließlich eine wichtige, spielerische, hintergründige und auch oft provozierende Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts, nämlich die „objets trouvés“. Sie stehen als skulpturale Erweiterung der Collage mit oft fetischartigem Charakter, für Namen wie Meret Oppenheim und Marcel Duchamp.

In dieser Richtung sind auch die Arbeiten Dorothee Jaspers kunsthistorisch zu verorten, was für unsere heutige Ausstellung lediglich als Orientierungsbasis dienen mag. Uns interessiert, was Dorothee aus den Zufallsfunden ihrer Reisen und Erkundungsspaziergänge im Siegerland gemacht hat, wie sie die Funde arrangiert, mit Bedeutung und ästhetischem Reiz aufgeladen hat.

Doch lenken wir unser Augenmerk zurück auf Rudolf Bieler. Dass ein vielseitig praktizierender Musiker-Maler in seiner Malerei musikalische Themen aufnimmt, seine Malerei musikalisch inspiriert ist, wird niemanden verwundern. In diesem Zusammenhang sind mir die Hommage-Bilder zu  Mauricio Kagel aus der IHK-Ausstellung von 1999 in bester Erinnerung: rhythmisch-swingend, spielerisch, poetisch, sensibel, farbig, dynamisch. Ich hätte am liebsten eine ganze Serie von ihnen gekauft. Aber wenn die Kinder noch im Studium sind, fehlt dazu mitunter das nötige Kleingeld.

Doch auch damals tauchte bereits unser heutiges Thema des Naschens auf. Naschen ist ja eine besondere Variante eines lebensnotwendigen Bedürfnisses, nämlich des Essens. Es hat mit Freude und Genießen zu tun, vornehmlich Süßem, zu stibitzen und zu genießen. Wer von uns hat da keine Erinnerung an die Kinderzeit? Aber Alter schützt vor Naschlust nicht! Und die Lust-Komponente gehört ebenfalls dazu. An dieser Stelle muss es heraus, Rudolf ist der Koch in der Familie. Er kocht täglich frisch und mit Begeisterung.

In den Folgejahren entwickelte Rudolf das Naschen zu einem seiner malerischen Zentralthemen, für das er eine eigene Bildsprache erfand. Sie besteht zum Einen aus, wie auch immer verfremdeten, skripturalen Elementen, in denen der Grafiker Rudolf Bieler gewissermaßen, wenn nicht zu Worte, so doch zu Bilde kommt. Zum anderen tauchen merkwürdige Fisch-Vogel-Mensch-Wesen auf, Köpfe, aber auch Kopffragmente und vor allem Augen, die meist an Trichtern nippen, saugen, schlecken. Oder es strömt in diese Trichter hinein, die damit zum vieldeutigen Symbol werden. Farbig, bewegt, voller Schwung, mit sehr vielen Blau-, Lila-, Rot- und Gelbtönen geht es quirlig, strömig um diese Trichter herum zu.

Wir alle kennen ja das sprichwörtliche „Eintrichtern“, meist von Wissen oder Verhaltensregeln, und das dazugehörige Sprichwort „auf den Trichter kommen“. Wir erinnern uns u. U. auch dunkel daran, dass dies etwas mit Nürnberg und einem „Nürnberger Trichter“ zu tun hat.

Der „Nürnberger Trichter“ war denn auch im 19. Jahrhundert eine von Franz Trautmann ab 1849 herausgegebene, humoristisch-satirische Zeitschrift. Das Sprichwort geht aber viel weiter zurück, nämlich bis auf die Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg, als 1647 der Nürnberger Dichter Harsdörfer eine Poetik veröffentlichte, der er den Titel gab: „Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugießen.“

So ist der Trichter für Rudolf Kelch und Nektar-Tankstelle des Naschens und Einsaugens, aber auch des Einströmens und Verdichtens von Wissen, Farbe, Genuss, kurz von Welt, die mit allen Sinnen, vor allem aber auch dem Geschmack und dem Auge wahrgenommen wird.

Als wir uns am 17. Februar 2016 im Hause Bieler / Jasper trafen, um zu schauen, was da an ausstellungswürdigen Arbeiten beider vorhanden sei, da stießen wir auf eine Vielzahl groß- und mittel-formatiger Naschbilder, mit denen man gut zwei Ausstellungen hätte bestücken können, auf zärtlich-poetische, skurrile Tage – und Skizzenbücher sowie auf zwei wunderbar mit absonderlichsten, feinen Fundstücken zu Reisealtären komponierte Objektkästen von Doro, die uns geradezu bezauberten. „Bis zur Ausstellung machen wir aber noch einiges“, versprachen beide.

Als wir uns dann am 8. Juni erneut trafen, um über die endgültige Auswahl für die Kreuztaler Ausstellung zu befinden, da verschlug es Inge und mir zunächst die Sprache. Doro hatte 10 themenbezogene Objektkästen geschaffen, als Reisetrouvaillen und -altäre zum Schutz vor Neid und Missgunst, bösem Blick, Gier, Lärm, Finsternis, Reichtum, Völlerei, Krankheiten, Nervenschwäche und vor religiösem Fanatismus. Dazu kamen noch sechs Einzelskulpturen mit den Titeln „Neidkopf“, „Gebetsmühle“, Besänftigung des Schwarzwaldes“, „Leidensweg“, Elektrischer Liebestauscher“ und „Pilgerdank“ .

Sie alle nutzen, wie sie jetzt sehen können, die Inventarteile eines Bienenhauses für Kästen, hinter deren Glasscheiben Doro eine Vielzahl von Fundstücken aus Natur, Technik und Alltag mit ungeheurer Subtilität und vollendet harmonischer Ästhetik, zudem mit hintersinnigem Humor und handwerklichem Geschick jeweils themenbezogen zu sinnvollen Einheiten arrangiert hat.

Im Einblick-Jahreskatalog Kunstlandschaft Siegen-Wittgenstein des Landkreises aus dem Jahr 1994 findet sich eine ironische Selbstinterpretation der seinerzeit 22 Jahre jüngeren Künstlerin. Dort sagt sie: „In erster Linie beschäftige ich mich mit dem Suchen, Auffinden und Zusammensetzen von Dingen. Diese müssen wie folgt aussehen: schuppig, schwammig, schimmelig, schlüpfrig, blasig, bauchig, buschelig, blaugestiefelt, knorpelig, knollig, keulig, klebrig, kugelig, gebuckelt, glibberig, glasig, lappig, wellig, wollig, waberig, wachsig, plissiert und puschelig, zuselig, zackig, sparrig, spindelig und vor allem spinnert.“

Das umfasst einen ganzen Kosmos von Dingen und Eigenschaften, die insbesondere haptisch und olfaktorisch sind. Neben Naturformen verraten sie auch schon die Neigung zu Mode und bezeugen insgesamt einen Drang zu Eigenschaften und Gegenständen, die im landläufigen Sinne eher für unästhetisch gehalten werden. und nicht gängigen Schönheitsidealen entsprechen.

Die Dorothee von heute gräbt tiefer und ist reifer geworden, ohne ihre alten Vorlieben verloren zu haben. Sie rührt an uralte animistische Seinsweisen, die verdeckt und vorchristlich in unser aller Inneren und Unterbewusstsein lagern. Wenn die Themen ihrer Kästen auf den ersten Blick auch als künstlerische Darstellung der 7 Todsünden des Katholizismus anmuten, mit denen sie ohne Zweifel zu tun haben, so verbildlicht und vergegenständlicht Doro doch Urängste, die in uns lauern. Sie evoziert mit Fetischen, geheimnisvoll mehrdeutigen und magischen Gegenständen seelische Schutz- und Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen und das Böse, die wir im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte ausgebildet haben, um uns gegen physische und psychische Attacken von innen und außen zu wappnen.

So ist eine gewissen feminine und katholische Religiosität durchaus in manchen von Doros Arbeiten zu spüren, gepaart jedoch mit Schichten, die viel archaischer sind als das Christentum.

Hat man sich, wie ich, ein Leben lang häufig mit den Religionen anderer Völker beschäftigt, vor allem solcher die man noch vor relativ kurzer Zeit mit eurozentrischer Arroganz als Naturvölker bezeichnete, so können einem schon die Ohren klingen und die Augen schmerzen. Blickt man z. B. durch die Sicht moderner indianischer Autoren wie Thomas King oder Thomson Highway auf das monotheistische Christentum, oder spricht mit kunstsinnigen, indianischen Museumsdirektoren wie Gerald McMasters, so erscheint da das Christentum im Blick von außen als reichlich absurdes, patriarchalisches Rollenspiel. Die Autoren ironisieren seine dreieinige männliche Gottheit, deren einer Teil auch noch virtuell ist und als Geist mit einer Jungfrau einen Gottessohn zeugt, der in einen imaginären Himmel auf einem imaginären Thron sitzt, während eine den meisten Religionen selbstverständliche Muttergottheit überhaupt nicht vorkommt.

Vor Jahren hielt ich in Vancouver einen sechswöchigen Shakespeare-Sommerkurs. Jeden Tag sechs Stunden. Shakespeare ist für alle da. Unter meinen Studenten waren auch mehrere Westküsten-Indianer, zwei Eskimos und drei Fidschi-Insulaner. Als wir an Macbeth mit all der Zauberei und den Hexen und bösen Geistern kamen, die im Stück ihr Unwesen treiben, da gerieten meine Fidschis ganz aus dem Häuschen. Sie fühlten sich wie in ihrem heimischen Voodoo-Glauben mit seinen Fetischen und Zauber-Zeremonien. Für sie war das religiöser Alltag.

Schauen Sie daraufhin Doros Triptychon „Besänftigung des Schwarzwaldes“ an, wobei Schwarzwald als Metapher für all jene dunklen Ängste und Dämonen der Finsternis in und um uns steht, die es zu bannen gilt. Meine Fidschis hätten ihre helle Freude an den vielen Fetischen, Amuletten, Schlüsseln, Ketten, Ringen, Knochen, Hörnern gehabt, die da von Doro in das Kostüm einer furchteinflößenden Skulptur eingearbeitet sind. Das Werk ortet Ängste und Dämonen in den Tiefen der schwarzen Wälder und spielt darauf an, dass sie sogar unter den Trachten und Kopfputzfassaden schmucker Schwarzwälderinnen zu lauern vermögen. Hier mischen sich Magie, Ernst, Spiel und Humor.

Oder nehmen Sie jene schwere, eiserne Schuh-Skulptur mit dem Titel „Der Leidensweg“. Sie strahlt archaische Wucht aus. Der alte Schuster-Leisten suggeriert, was so ein Schuh alles erlebt und erlitten haben mag, als Arbeiter-, Bauern-, Pilgerschuh. Doro hat ihn zu einer vielschichtigen Skulptur erhöht.

Christian Morgensterns Gedicht „Das Knie“ kommt mir in den Sinn. Sie brauchen nur „Knie“ durch „Schuh“ zu ersetzen und dann lautet es wie folgt:

Ein Schuh geht einsam durch die Welt,
Es ist ein Schuh, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Schuh, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Der Schuh allein blieb unverletzt-
als wär’s ein Heiligtum.

Seitdem gehts einsam durch die Welt.
Es ist ein Schuh, sonst nichts.
Es ist kein Baum. Es ist kein Zelt.
Es ist ein Schuh, sonst nichts.

Ein Schuh, jedoch von so absolut eindringlicher ästhetischer Überzeugungskraft, dass in ihm Vergänglichkeit und Geschichte zur Gegenwart werden.

Und nun zu Rudolf. Der hat uns mindestens ebenso verblüfft wie seine Frau. Statt eine Auswahl der mir bekannten Bilder zu präsentieren, hat er in jener kurzen Zwischenzeit von drei Monaten Serien völlig neuer Naschbilder, darunter viele mit ganz ungewohnten, collagierenden Ansätzen geschaffen.

Da sind einmal jene zu Viererblöcken zusammengefassten kleinen Formate von opulenter Farbigkeit mit vielen skripturalen Elementen, gemalt übrigens auf Fastfood-Papptellern, sie sprühen geradezu vor Dynamik und Naschlust, dann in ihrem Zentrum befindet sich stetes jener emblematische Naschvogel (oder Menschenkopf?), der Leckeres aus Glasröhren zu saugen sich anschickt. Dominiert aber werden die Blätter von rätselhaften Schrift- und Graphikfragmenten.

Eine weitere Serie mittelgroßer Blätter thematisiert Vogel- und Menschfiguren des Naschens an sich, der z. B. seine lange, an der Spitze einrollbare Zunge, wie wir das von kleinen Reptilien und Insekten kennen, aus dem Mund herausschnellen lässt, um damit Köstliches aus Trichtern und Glasphiolen zu saugen. Auch hier wieder geradezu wuchernde Elemente von Schriftfragmenten.

Die dritte neue Serie birgt die größte Überraschung von allen. Rudolf hat sich alte Stiche von Ansichten und Plänen berühmter Städte besorgt, als da z. B. sind Bozen, Zürich, Reims, Strasbourg, Den Haag, Wien. Diese Schwarz-Weiß-Stiche übermalt und collagiert er mit farbigen Naschmotiven, kombiniert sie aber auch mit Fotografien von Torten und Kuchen  aus alten Nachkriegs-Kochbüchern. Das ergibt verblüffende Effekte. Die „Food-Fotografie“ ist ja mittlerweile zu einer fotografischen Spezialdisziplin mutiert, bei der mit ungeheurem technischen, Licht- und Material-Aufwand den Konsumenten Schleckerparadiese aus und in jedem Leberkäs‘- und Fruchtsalat vorgegaukelt werden. Die Fotos aus den alten Koch- und Backbüchern sind dagegen noch ganz ehrlich, naiv, ungeschminkt und nicht künstlich bearbeitet. Sie strahlen damit Anmut, Charme und unverstellte Direktheit aus. Indem Rudolf sie nun mit den Ansichten berühmter Städte kombiniert und collagiert, in denen es ja immer spezifische kulinarische und Back-Spezialitäten gibt, ergeben sich für den Betrachter Assoziationen, die ihm das Wasser im Munde zusammen laufen lassen.

Rudolf ist schließlich auch Mitglied im Dr. Oetker-Backclub, wodurch er stets neue Rezepte und Anregungen für Naschereien erhält.

Rudolf Bieler und Dorothee Jasper haben sich in ihrer Liebe zur Natur und zum Kochen in ihrem Haus und Garten und mit ihrer vielseitigen künstlerischen Arbeit ihr eigenes Paradies an Glück und Zufriedenheit geschaffen.

Shakespeare unterscheidet in seinem letzten Stück, dem großartigen Sturm (The Tempest), zwischen schwarzer und weißer Magie. Die schwarze beschwört Unheil, bedient die niedrigen, verbrecherischen Instinkte im Menschen, die weiße Magie hingegen bewahrt, schützt und weckt zum Guten.

So vereinen sich der Profi-Naschkoch-Musiker-Maler Rudolf und die Modefrau-Klein-Unternehmerin und Objektkünstlerin Dorothee im Wissen um all die Irritationen und Unbilden des Lebens mit ihrer weißen Magie zu einem Paar, das sich seine heile Welt inmitten aller alltäglichen Turbulenzen zu bewahren versteht. Und mit ihrer Kunst werden beide hoffentlich auch Ihnen Einsichten, Vergnügen und ästhetischen Genuss bereiten.

IMG_9726thumb_SNB10097_1024thumb_SNB10100_1024thumb_SNB10105_1024

Bilder der Ausstellung