{"id":286,"date":"2018-07-13T06:32:30","date_gmt":"2018-07-13T06:32:30","guid":{"rendered":"http:\/\/christian-w-thomsen.de\/?page_id=286"},"modified":"2024-03-15T13:06:23","modified_gmt":"2024-03-15T13:06:23","slug":"ausstellung-von-mustafa-kizilcay-anblick-durchblick-ausblick-im-kulturbahnhof-kreuztal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?p=286","title":{"rendered":"Ausstellung \u201eAnblick, Durchblick, Ausblick\u201c &#8211;  Mustafa Kizilcay, Kulturbahnhof Kreuztal"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/18.07.12-Ausstellung-Kizilcay.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"169\" class=\"alignnone size-medium wp-image-290\" alt=\"18.07.12 - Ausstellung Kizilcay\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/18.07.12-Ausstellung-Kizilcay-300x169.jpg\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/18.07.12-Ausstellung-Kizilcay-300x169.jpg 300w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/18.07.12-Ausstellung-Kizilcay-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Christian W. Thomsen<\/p>\n<p><strong>Einf\u00fchrung zu Mustafa Kizilcays Ausstellung \u201eAnblick, Durchblick, Ausblick\u201c am 12.7.2018<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Am 5. Mai 2017 haben wir hier vor vollem Haus und bei br\u00fctender Hitze Michael Schumanns Ausstellung \u201eExperimentator zwischen Figuration und Abstraktion\u201c er\u00f6ffnet. Es wurde eine \u00fcberaus erfolgreiche Ausstellung. Michael Schumann haben meine Frau und ich es zu verdanken, dass wir \u00fcberhaupt Mustafa und Canan Kizilcay kennengelernt haben, im Sp\u00e4therbst 2016 bei den Schumanns. Wir drei haben etwas gemeinsam, den \u2013 allerdings fachlich sehr unterschiedlichen \u2013 akademischen Hintergrund: Michael und ich sind emeritierte Professoren, und Mustafa steht als Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr \u201eElektrische Energieversorgung\u201c noch mitten im Beruf. Michael fing erst nach seiner Emeritierung 2008 an, das zu tun, was er eigentlich schon immer wollte, n\u00e4mlich Kunst zu studieren. Er ist mittlerweile ein anerkannter und gestandener K\u00fcnstler. Mustafa, der seit 2004 in Siegen lehrt, beschloss 2010, nachdem er in Netphen ein Haus gebaut hatte und nicht mehr von Osnabr\u00fcck ins Siegerland pendeln musste, die f\u00fcrs Pendeln aufgewandte Zeit ins Kunststudium zu stecken. Ich selbst er\u00f6ffne Ausstellungen aus purer Lust und Freude an der Kunst, gef\u00fchlt seit meiner Kindergartenzeit, tats\u00e4chlich in etwa, seit ich die neben mir stehende Modedesignerin und Galeristin geehelicht habe, und das sind in exakt 12 Monaten 50 Jahre. Seither sammeln wir Kunst, f\u00f6rdern K\u00fcnstler, leben mit ihnen und ihren Werken.<\/p>\n<p>Der Name von Inges langj\u00e4hriger Galerie \u201eart and living\u201c ist f\u00fcr uns Lebensprogramm. Doch zur\u00fcck zu Mustafa und seinen neuen hier ausgestellten Bildern. Er und seine Frau Canan sind Menschen, zu denen man schnell Kontakt findet und die man einfach gernhaben muss. Als ich vor einem Jahr im Netpher Rathaus seine erste gro\u00dfe Ausstellung sah, die ich dann dreimal besucht habe, beschloss ich auf der Stelle, ihn m\u00f6glichst auch hier in Kreuztal zu pr\u00e4sentieren. Der Grund: Originalit\u00e4t, Mut und Frische seiner Arbeiten, die ich als ausgesprochen inspirierend empfand und deren weitere Entwicklung ich nicht nur verfolgen, sondern auch unterst\u00fctzen wollte. Als Kunststudent f\u00fchlt Mustafa sich von seinen Lehrerinnen Christina Erhard, Josef Imorde und besonders Uschi Huber gut beraten.<\/p>\n<p>Was tut dieser Mensch, Mustafa Kizilcay, eigentlich in seinem Hauptberuf? Jeder von uns ahnt, dass ein Lehrstuhl f\u00fcr \u201eElektrische Energieversorgung\u201c etwas mit unser aller Wohl und Wehe zu tun hat, ohne dass wir als Laien w\u00fcssten, worum es wirklich geht. Schauen wir uns im Netz die Forschungsschwerpunkte dieses Lehrstuhls an, so lauten die z. B.: \u201eModellierung von elektrischen Energieversorgungsnetzen zur digitalen Simulation transienter und dynamischer Vorg\u00e4nge\u201c, oder: \u201eSystematische Zustandsbewertungen von Mittel- und Niederspannungsnetzen\u201c oder, noch eins: \u201eAuswirkungen dezentraler Erzeugungsstrukturen auf die Stromversorgung und Ableiten von Ma\u00dfnahmen\u201c. Einer von Mustafas Vortr\u00e4gen 2017 trug den Titel: \u201eAnalysis of switching transients of a 380-kV mixed line due to deenergization\u201c gehalten auf der European AMTP-ATP Conference in Kiel. Was sie nun de facto tun, das ist das Arbeiten mit Computersimulationen von Netzschwankungen, Netzzust\u00e4nden, Spannungsver\u00e4nderungen im Zusammenschluss europ\u00e4ischer Netzwerke zur Verhinderung von Unf\u00e4llen, die u.a. durch den viel diskutierten Aus- und Neubau von Stromnetzen von Norden nach S\u00fcden bedingt sind. Und zwar bewegen sich ihre Simulationen im Bereich von Mikro- bis zu Nanosekunden, also in Zeitr\u00e4umen von Tausendstel- bis Milliardstel-Sekunden. Das erfordert Pr\u00e4zision.<\/p>\n<p>Wie wichtig derartige Forschungsarbeiten f\u00fcr uns alle sind, erfuhren wir just am 3. Mai, als wir abends von unserem Besuch bei den Kizilcays nach Hause kamen, die Fernsehnachrichten anschalteten und erfuhren, dass an jenem Tag die gesamte Stromversorgung des Hamburger Flughafens zusammengebrochen war, weshalb alle Fl\u00fcge ausfallen mussten. Ein anderes Beispiel, an das sich vermutlich noch viele von Ihnen erinnern, als am&nbsp; 5.11.2006 ein neues , 294m langes Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft in Papenburg auf seiner Auslieferungsfahrt emsabw\u00e4rts fuhr und ein Techniker von E.on aus Sicherheitsgr\u00fcnden kurz eine , die Ems querende 380.00 Volt H\u00f6chstspannungsleitung, abschaltete, woraufhin gro\u00dfe Teile des westeurop\u00e4ischen Verbundnetzes ausfielen. S\u00fcddeutschland,&nbsp; S\u00fcdfrankreich ,Belgien, Span<em>ien<\/em> und Italien gerieten &nbsp;in ernste Schwierigkeiten, Millionen von<\/p>\n<p>Kunden waren ohne Strom.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich breitet sich im publizierten, \u00f6ffentlichen Bewusstsein die Erkenntnis aus, dass Netzsicherheit eines der dr\u00e4ngendsten Probleme f\u00fcr die Industrie und \u00f6ffentliche Stromversorgung in aller Welt darstellt. Kai, einer meiner beiden S\u00f6hne, hat in Siegen Informatik und Anglistik studiert und ist seit Jahren f\u00fcr die IT-Sicherheit aller Audi-Werke zust\u00e4ndig. 55.000 Hacker-Angriffe treffen allein seine Firma pro Tag, und wenn er von jenem Cyber-Krieg erz\u00e4hlt, der im Untergrund tobt, kann einem angst und bange werden. Zu seinen Hauptverhandlungspartnern geh\u00f6ren Netzbetreiber und deren Sicherheitsbem\u00fchungen, was nun wiederum direkt mit den Forschungen an Mustafas Lehrstuhl zusammenh\u00e4ngt. \u00dcber die Gemeinsamkeiten und die Verwandtschaft von wissenschaftlichem und k\u00fcnstlerischem Arbeiten habe ich in meinen Einf\u00fchrungen oft gesprochen. Frage ist, ob und wie das auch bei Mustafa zutrifft. Antwort: Ja, und das ganz besonders. Die Pr\u00e4zision seiner wissenschaftlichen Arbeit setzt sich in seiner k\u00fcnstlerischen Arbeit fort, die er ebenso ernst nimmt wie die Wissenschaft. Nicht nur, dass er fotografische Themen quasi wie im naturwissenschaftlichen Experiment als Versuchsreihen anlegt, die auch kunsttheoretisch untermauert sind und technisch auf das jeweilige Thema abgestimmt gleichen Versuchsbedingungen unterliegen, sondern auch, dass er versucht, mit innovativen Impulsen neue Wege auszutesten, die das Sehen des Betrachters inspirieren, erweitern und vertiefen.<\/p>\n<p>In einem visuellen Zeitalter wie dem unseren sind wir, vor allem seit dem Siegeszug der Digitalfotografie, nahezu allerorten von erstklassigen Fotos umgeben, in allen Printmedien, der Werbung, der Medizin, der Industrie. Auf ausgetretenen Pfaden der Fotografie kann man heute keinen Eskimo mehr von irgendeinem Schlitten rei\u00dfen. Das hei\u00dft im Falle unserer Ausstellung, dass Mustafa versuchen muss, neue Akzente zu setzen. Das hei\u00dft konkret, dass er bei jedem der ausgestellten Bilder in zwei Schritten gearbeitet hat. Er hat seine Motive zun\u00e4chst mit der auf einem sehr niedrigen Stativ stehenden Kamera aus einer frontal ausgerichteten Bodenperspektive aufgenommen. Sodann fotografierte er das Motiv ein zweites Mal, auf einer Trittleiter stehend, aus erh\u00f6hter Zentralperspektive, die sich von der Bodenperspektive unterscheidet. Die aufnahmetechnischen Details seiner Fotos gibt Mustafa nicht preis.<\/p>\n<p>Jedem Siegerl\u00e4nder, der nicht k\u00fcnstlerisch vollkommen unterbelichtet ist, l\u00e4uten bei dieser Vorgehensweise die Glocken des Wiedererkennens, und es schieben sich zwei K\u00fcnstler vor seine Ged\u00e4chtnislinse: Bernd und Hilla Becher, von denen jedermann oder jede Frau mindestens die Fotos einheimischer Fachwerkh\u00e4user aus dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert kennt.<\/p>\n<p>Die Bechers haben den Ruf des Siegerlandes in die entferntesten Museumsecken dieses Planeten getragen. Sie z\u00e4hlen zu den ber\u00fchmtesten und einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Absolute Starfotografen der Gegenwart wie Thomas Struth, Candida H\u00f6fer und Andreas Gursky geh\u00f6ren zu ihren Sch\u00fclern.<\/p>\n<p>Wir haben 1986 zu siebt den Siegener Kunstverein gegr\u00fcndet, und unsere von Wolfgang Suttner organisierte erste Ausstellung in der Villa Waldrich, war dem Schaffen der Bechers gewidmet.<\/p>\n<p>Die Bechers haben als Arch\u00e4ologen der Industriekultur eine einmalige Sammlung von H\u00e4usern, Industriebauten und ganzen Industrielandschaften, die heute meist nicht mehr existieren, geschaffen. Sie haben erheblich dazu beigetragen, dass, wie im Ruhrgebiet, Industriemonumente und \u2013landschaften als kulturelles Erbe wahrgenommen, gepflegt, historisch gew\u00fcrdigt und so noch vorhanden, heute vielf\u00e4ltig k\u00fcnstlerisch und veranstalterisch genutzt werden.<\/p>\n<p>Zu den Spezifika, ihrer fotografischen Handschrift geh\u00f6ren die Zentralperspektive, Verzerrungsfreiheit, Menschenleere, eine neutrale Lichtstimmung, wolkenverhangener, grauer Himmel mit weichem Sonnenlicht, alles Aufnahmeprinzipien, die auch Mustafa in seinen Arbeiten anwendet.<\/p>\n<p>Unser verstorbener Freund Hermann Kleine hatte zusammen mit Bechers Bernd die Schulbank gedr\u00fcckt. Er durfte Bernd in dessen Anfangsjahren oft auf Fototouren begleiten und seine Leiter halten, damit Bernd Fachwerkh\u00e4user, F\u00f6rdert\u00fcrme, H\u00fcttenanlagen in ihrer gemeinsamen Siegerl\u00e4nder Heimat fotografisch dokumentieren konnten. \u00c4hnlich habe ich vor wenigen Wochen Mustafa ins gegen\u00fcberliegende Caf\u00e9 Basico begleitet und ihn in diesem, von phantasieanregender Atmosph\u00e4re ges\u00e4ttigten Geb\u00e4ude, bei seiner Arbeit selbst abgelichtet.<\/p>\n<p>Er kauerte erst am Boden, stellte dann seine Kamera auf dem Ministativ ein, kletterte hernach auf seine Trittleiter und stand da f\u00fcr mich regungslos. Leider meinte er hinterher doch, die Bilder, die er dort gemacht habe, gen\u00fcgten seinen Anspr\u00fcchen nicht. Sie seien zu verwackelt.<\/p>\n<p>Was Mustafas Arbeiten von denen der Bechers unterscheidet, besteht darin, dass er nicht ganze Geb\u00e4ude oder Industrie-Ensembles ins Visier seiner Kamera nimmt. Stattdessen gilt seine Aufmerksamkeit Details und Fragmenten von Ansichten oder Einrichtungen seines eigenen oder anderer Leute Haus, von B\u00fcros, Industriehallen oder Lagerh\u00f6fen, oft verbunden mit Naturausblicken. Die ja alle, bedingt durch seine Fotografierweise, aus zwei verschiedenen Perspektiven aufgenommen sind.<\/p>\n<p>Besonders L\u00fccken haben es ihm zurzeit angetan. Ihnen sp\u00fcrt er in Hecken, Z\u00e4unen, Gitterkonstruktionen, Geweben und Vorh\u00e4ngen mit Leidenschaft und Farbe nach, keineswegs wie die Bechers nur in Schwarz-Wei\u00df. Unwillk\u00fcrlich kommt mir da Christian Morgensterns Gedicht vom <em>Lattenzaun<\/em> in Erinnerung:<\/p>\n<p>Es war einmal ein Lattenzaun,<br \/>\nmit Zwischenraum, hindurchzuschaun.<\/p>\n<p>Ein Architekt, der dieses sah,<br \/>\nstand eines Abends pl\u00f6tzlich da<\/p>\n<p>und nahm den Zwischenraum heraus,<br \/>\nund baute draus ein gro\u00dfes Haus.<\/p>\n<p>Der Zaun indessen stand ganz dumm,<br \/>\nmit Latten ohne was herum \u2026<\/p>\n<p>Mustafa jedoch fragt, was verbirgt sich hinter den Z\u00e4unen, Vorh\u00e4ngen und L\u00fccken? Wie bringe ich den Vorhang selbst in seiner Materialbeschaffenheit, seinen, Farbt\u00f6nen quasi ins Flimmern und Vibrieren? Ist der Betrachter durch den Vorhang frustriert oder stimulieren ihn L\u00fccke und Sehschlitz? Mustafas Fotografien sind somit in anderer Weise als die Arbeiten der Bechers zugleich fototechnische und kunsthistorische Dokumentation wie auch origin\u00e4re Kunst. Dabei spielt f\u00fcr ihn selbst die Bildanalytik eine f\u00fchrende Rolle.<\/p>\n<p>Er regt unsere Neugier an. Er fordert uns zu genauem Hinsehen auf. Er macht uns bewusst, dass \u00c4sthetik keineswegs nur die Lehre vom Sch\u00f6nen in der Kunst ist, sondern auch in banalen Alltagsgegenst\u00e4nden, in unbedeutenden Details zu finden ist und dass eine \u201e\u00c4sthetik des H\u00e4sslichen\u201c ebenso anziehend sein kann, wie k\u00fcnstlerisch vollendetes Design.<\/p>\n<p>Letzteres wei\u00df die Philosophie allerdings sp\u00e4testens seit Karl Rosenkranz 1853 die \u201e\u00c4sthetik des H\u00e4sslichen\u201c neben der des Sch\u00f6nen zur philosophischen Disziplin erkl\u00e4rt hat. Es f\u00fcgt sich zudem in die Tradition jener revolution\u00e4ren Moderne, die seit Duchamp jedem noch so banalem Gegenstand Kunstf\u00e4higkeit zuspricht. Dessen ber\u00fchmtes New Yorker \u201ePissoir\u201c Readymade entstand bereits 1917. Aus diesem Grund f\u00fcgt sich Mustafas Kunstkonzept passgenau in jenes Konzept und Programm umst\u00fcrzlerischer Moderne.<\/p>\n<p>Am eindringlichsten hat Mustafa dies f\u00fcr mich in einer Fotoserie dokumentiert, die er im vergangenen Jahr in Netphen ausgestellt hat. Dabei handelte es sich um eine Serie, die das Innere umgest\u00fclpter Socken zeigte. Ich frage Sie, wer um alles in der Welt ist je auf die Idee gekommen, das Innere von Socken zu fotografieren? Und das so gekonnt und \u00e4sthetisch reizvoll, dass es mich noch heute juckt, ihm diese Serie abzuluchsen, obwohl unser Haus derart voller Kunst steckt, dass eigentlich nichts mehr hineingeht. Allerdings habe ich inzwischen herausgefunden, dass die Firma \u201eDuchamp of London\u201c besonders sch\u00f6ne Socken herstellt. Sie sind nicht billig, aber ich habe mir drei Paar davon bestellt und zur heutigen Vernissage auch eines davon angezogen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Thema der Netpher Ausstellung f\u00fchrt Mustafa in dieser Ausstellung weiter und in neue Richtung, n\u00e4mlich das Fotografieren durch Vorh\u00e4nge hindurch. Und das verbindet er mit dem gerade erw\u00e4hnten Leitthema der heutigen Ausstellung, n\u00e4mlich dem Thema \u201eL\u00fccke\u201c.<\/p>\n<p>Vorh\u00e4nge sind reizvoll wegen ihrer Texturen, wegen ihrer Farbnuancen, wegen ihrem Spiel mit Licht und Schatten, dem Verbergen, Verh\u00fcllen,ihrer Filterwirkung. Die L\u00fccke spornt die Fantasie an, zu erg\u00e4nzen, zu enth\u00fcllen. Das hat etwas Orientalisches und zugleich Kriminalistisches. Neugier des Betrachters und sein Sp\u00fcrsinn werden geweckt, zugleich werden Hirn und Auge geschult. So haben wir das Thema dieser Ausstellung bewusst mehrdeutig formuliert: \u201eAnblick, Durchblick, Ausblick\u201c.<\/p>\n<p>Anblick gilt zun\u00e4chst der Gesamtheit des pr\u00e4sentierten Bildes, den Mustafa aber dadurch verr\u00e4tselt, dass es ja eigentlich aus zwei vertikal untereinander geh\u00e4ngten Teilen besteht. Der kriminalistische Sp\u00fcrsinn des Betrachters mag versuchen, die zwischen unten und oben bestehende L\u00fccke durch Logik und Fantasie auszuf\u00fcllen. Gelingt ihm das, oder nimmt er jeweils zwei voneinander unabh\u00e4ngige Bilder wahr? Mustafa jedoch kommt es nicht darauf an, dass der Betrachter R\u00e4tsel l\u00f6st, sondern dass er jedes der in zwei losen Reihen geh\u00e4ngten Bilder f\u00fcr sich als Einzelbild wahrnimmt. In der H\u00e4ngung folgt er dabei dem urspr\u00fcnglich von Mies van der Rohe f\u00fcr die Architektur gepr\u00e4gten und zum Credo der Moderne gewordenen Ausspruch \u201eless is more\u201c. Hier mag das Prinzip durch die r\u00e4umliche Begrenzung gerechtfertigt sein, obwohl ich den Besuchern gerne noch etliche andere, von mir hochgesch\u00e4tzte Bilder Mustafas gezeigt h\u00e4tte. In der Kunsttheorie und \u2013 praxis der letzten Jahrzehnte jedoch ist dies Prinzip bis zum absoluten Exzess&nbsp; der leeren Leinw\u00e4nde und leeren R\u00e4ume und ins Extrem des Nirwanas zu Tode gepr\u00fcgelt und theoretisiert worden. Heute leben zigtausende von Designobjekten und Kosmetikprodukten von dem zum Marketinginstrument verkommenen \u201eless is more\u201c- Begriff.<\/p>\n<p>In Mustafas Fotografien aber gibt es z. B. den Anblick meterhoher Gartenhecken, durch deren L\u00fccken man auf Teile jener G\u00e4rten blickt, die der Nachbar vor neugierigen Augen verbergen m\u00f6chte. Ausblick im Hintergrund sind Haus- und Gartenfragmente oder Siegerl\u00e4nder Gr\u00fcn. Des Betrachters Sichtfeld wird also bewusst verengt und er wird gen\u00f6tigt, das eigene Seh- und Vorstellungsverm\u00f6gen in Gang zu setzen.<\/p>\n<p>Wer viel im Ausland gewesen ist, gelebt hat, merkt schnell, dass es kaum irgendwo, au\u00dfer vielleicht in der Schweiz, so aufger\u00e4umt ordentliche Lager- und Betriebsh\u00f6fe gibt wie hierzulande. Den Ausblicksrahmen bilden dann oft Fragmente Siegerl\u00e4nder W\u00e4lder.<\/p>\n<p>Details von technischen Ger\u00e4ten, Rohren, Paletten werden im Durchblick \u00e4sthetisch aufgewertet, bedeutsam. Derartige Betriebsh\u00f6fe w\u00e4ren in oder am Rande von Gro\u00dfst\u00e4dten kaum denkbar. Hier bildet immer wieder die Siegerl\u00e4nder Leitfarbe Gr\u00fcn, kombiniert mit pietistischem Ordnungssinn, den Ausblicksrahmen. Mustafas didaktischer Ansatz besteht darin, den Betrachter zu einer mehrschichtigen Bildanalyse zu animieren.<\/p>\n<p>Typisch daf\u00fcr war unsere gemeinsame Suche nach einem Titelbild f\u00fcr Einladungskarte und Plakat dieser Ausstellung. Wir, in diesem Fall Mustafa Kizilcay, Holger Glasmachers, Inge und Christian Thomsen. Inge, Holger und ich flogen zun\u00e4chst auf ein Bild-Paar, das Mustafa direkt nach unserem gemeinsamen Caf\u00e9-Basico-Besuch gemacht hatte. Oberes Bild ein HTS-Foto von bestechender Klarheit, Sch\u00f6nheit des An-, Durch- und Ausblicks, unteres Bild einer jener anonymen Blechcontainer, die zu unserer Alltagswahrnehmung geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mustafas Reaktion: \u201eAuf keinen Fall, sch\u00f6n und kommt in die Ausstellung, aber viel zu offensichtlich und eindeutig.\u201c<\/p>\n<p>Zweiter Anlauf: Halbdurchsichtiger Vorhang \u2013 oder Gazestoff-Bild mit Sehschlitz, das Auge auf alte Uhren und Messger\u00e4te im Hintergrund gerichtet. Holger und ich, Vintage-begeistert, rufen aus: \u201e\u00c4sthetisch super!\u201c Mustafa: \u201eNix da, da sagen alle gleich \u201atypisch Naturwissenschaftler und Techniker\u2018!\u201c Ohne Zweifel besteht das Grundprinzip aller Natur- und Ingenieurwissenschaften im Messen und W\u00e4gen. Das verh\u00e4lt sich bei Mustafas Institut nicht anders. Die Kunst f\u00fcgt \u00c4sthetik, die \u2013 oft vorgebliche \u2013 Freiheit und Zwecklosigkeit, die Kombination von Kopf- und Bauchgef\u00fchl mit entsprechender Kreativit\u00e4t hinzu. Mustafas Reaktion: \u201eSch\u00f6nes Bild, aber wiederum analytisch zu einfach.\u201c<\/p>\n<p>Dritter Anlauf: Gazevorhang mit Sehschlitz, zarte gelbe und blaugraue Farbt\u00f6ne. Im Durchblick der Ansatz einer Stehleiter sichtbar und der Ausblick auf r\u00e4tselvoll verdeckte Bilder mit einem sichtbaren An- und Ausblick auf ein gerahmtes Landschaftsbild. Also: Mit Kunst auf Kunst blicken! Mustafa: \u201eDas nehmen wir.\u201c<\/p>\n<p>Da kann man nun ganz tiefgr\u00fcndig \u00fcber den Sinn von Kunst und Bild im Bild nachdenken, wie in meinem Metier, der anglistisch-amerikanistischen Literaturwissenschaft \u00fcber Sinn und Bedeutung des Spiels im Spiel in Shakespeares <em>Hamlet<\/em> oder auch in seinem <em>A Midsummer Night\u2019s Dream<\/em>, oder man k\u00f6nnte es mit ironischem Aha-Effekt kommentieren, oder gar im Gegenwartsjargon \u201emega-hammerhart\u201c ausrufen: Das aber entspricht nicht Mustafas Stil. Der lautet: \u201eDas Bild ist gut, es trifft meine Intentionen.\u201c<\/p>\n<p>Verehrtes Publikum: \u201eMacht Euer Hirnschmalz geschmeidig! Fr\u00f6nt eurer Augenlust, gebt ihr Futter mit Eurer ganz individuellen Interpretation von Mustafa Kizilcays Bildern. Mustafa, dem Meister des Zufalls, aber des bis ins letzte Detail minuti\u00f6s geplanten Zufalls. Und da vereinen sich in seltener Harmonie Naturwissenschaft und Kunst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian W. Thomsen Einf\u00fchrung zu Mustafa Kizilcays Ausstellung \u201eAnblick, Durchblick, Ausblick\u201c am 12.7.2018 Am 5. Mai 2017 haben wir hier vor vollem Haus und bei br\u00fctender Hitze Michael Schumanns Ausstellung \u201eExperimentator zwischen Figuration und Abstraktion\u201c er\u00f6ffnet. Es wurde eine \u00fcberaus erfolgreiche Ausstellung. 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