{"id":222,"date":"2017-05-09T07:42:14","date_gmt":"2017-05-09T07:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/christian-w-thomsen.de\/?p=222"},"modified":"2017-05-09T08:15:21","modified_gmt":"2017-05-09T08:15:21","slug":"projekt-ausstellung-michael-schumann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?p=222","title":{"rendered":"AUSSTELLUNGSPROJEKT MICHAEL SCHUMANN"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/SchumannEinladung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-230\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/SchumannEinladung-300x200.jpg\" alt=\"SchumannEinladung\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/SchumannEinladung-300x200.jpg 300w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/SchumannEinladung-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/SchumannEinladung.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Michael Schumann:\u00a0 Experimentator zwischen Figuration und Abstraktion<\/strong><\/p>\n<p>Da lebt man der der Uni jahrzehntelang nebeneinander her, wei\u00df einer vom anderen, dass es ihn gibt, kennt sich aber nicht. Das liegt an der Verschiedenheit der jeweiligen F\u00e4cher. Michael an den Erziehungswissenschaften in der Erwachsenenbildung, t\u00e4tig, ich in Anglistik, Medienwissenschaften und Architektur.<\/p>\n<p>Erst lange nach der Emeritierung brachte uns der Kunstwechsel vor zwei Jahren zusammen, als Michael, der seine, mich ungemein anziehende Serie der \u201eBlack Paintings\u201c ausstellte, auf uns zukam und fragte: \u201eSind Sie nicht die Thomsens?\u201c<\/p>\n<p>Diese \u201eBlack Paintings\u201c hatten es mir angetan. Als ich trotz absoluten Kaufverbots, weil unser Haus vor Kunst \u00fcberquillt, am Ende unseres Rundgangs mich noch einmal zu Michael Schumann davon stahl, ohne dass Inge es merkte, um doch eines dieser \u201eBlack Paintings\u201c zu erwerben, meinte dieser: \u201ePech gehabt, alle schon verkauft.\u201c<\/p>\n<p>Der Ex-Professor ist also kein brotloser K\u00fcnstler und hat nach einem langen Berufsleben nach seiner Emeritierung 2008 zu seiner wahren Berufung gefunden. Was lange w\u00e4hrt\u2026<\/p>\n<p>Und diese neue Arbeit und Aufgabe des Experimentierens und Pendelns zwischen Figuration und Abstraktion, wie er es so pr\u00e4gnant in seinem eigenen Kommentar zu dieser Ausstellung beschrieben hat, dieses Experimentieren mit Linien, Fl\u00e4chen, Farben, Formen, Lichteffekten, R\u00e4umen, erf\u00fcllt ihn. Die Malerei l\u00e4sst ihn zur eigenen Best\u00e4tigung und zur Freude anderer zu sich selbst finden und hilft, den k\u00fcrzlichen, gro\u00dfen Verlust zu bew\u00e4ltigen, den er mit dem Tod Ingeborgs, seiner Frau, erlitten hat.<\/p>\n<p>Jeder Szenenwechsel an dieser,von Ulrich Langenbach als Mega \u2013 Vitrine entworfenen Wand, ist eine eigene Inszenierung. Michael Schumann hat vor Ort mit Hilfe von Heike Ritter, Inge Thomsen und Mustafa Kizilcay diesen XXXV. Szenenwechsel als Farbenrausch inszeniert. Ich kann mich nicht erinnern, an diesem Ort je eine Ausstellungs-Inszenierung gesehen und erlebt zu haben, deren Farben- und Themenreichtum mich derart sinnlich in ihren Bann geschlagen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Doch kommen wir zur\u00fcck zu den \u201eBlack Paintings\u201c. Einen Black Painting-Mann haben wir noch in dieser Ausstellung, eine \u00fcberlebensgro\u00dfe, schwarze Figur, allem Anschein nach ein Mann in einem zotteligen, fellartigen, struppigen Kost\u00fcm. Aber die scharfen Konturen beginnen sich schon aufzul\u00f6sen. Er \u00e4hnelt, ohne dass dieses Michael im mindesten bewusst ist, dem Schauspieler Peter Simonischek. Der tappt als grizzly-b\u00e4renartig im Kukeri-Kost\u00fcm verkleideter Toni Erdmann im gleichnamigen, vielfach preisgekr\u00f6nten und f\u00fcr den diesj\u00e4hrigen Oscar nominierten Film von Maren Ade durch einen Park Budapests. Er kehrt gleichsam sein verst\u00f6rtes Inneres nach Au\u00dfen und sucht im wiederholt scheiternden, schlie\u00dflich gelingenden Zugang zu seiner Tochter auch die Frage nach der Erkenntnis des Wesenskerns seiner selbst zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Es ist wohl die Angstlust, die einem die schwarzen M\u00e4nner so gleichzeitig absto\u00dfend\u2013angsteinfl\u00f6\u00dfend wie anziehend macht: Unter der Maske, die Spiel, Verkleidung, Vermummung und doch Selbstdarstellung in einem ist, steckt der Mensch mit den Varianten seines Ichs. F\u00fcr mich versteht dies niemand \u00fcberzeugender darzustellen als die Kwakiutl-Indianer der kanadischen Westk\u00fcste mit ihren Transformation-Klappmasken, die bis zu drei verschiedene Identit\u00e4ten zu enth\u00fcllen verm\u00f6gen. Beim schwarzen Mann aber werden auch Erinnerungen an die Kindertage wach. Wir wohnten nach der Flucht aus dem v\u00f6llig zerst\u00f6rten Dresden 1947 \u2013 1954 in Bensheim an der Bergstra\u00dfe bei der Witwe eines Generals, die alle noch mit \u201eExzellenz\u201c anreden mussten. Wir Kinder aber sagten: \u201eTaxellenz.\u201c Dort gab es einen tiefen Kohlen- und Vorratskeller. Und immer, wenn ich in den Keller hinunter sollte, um etwas zu holen, umfing mich jene Urangst vor dem Dunkel da unten, vor irgendeinem unnennbaren Grauen und schwarzen M\u00e4nnern, die dort hausen mochten. Dem war nur mit Pfeifen und Sich-Mut-Ansingen beizukommen. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass es Inge als Kind \u00e4hnlich erging und manch einem von Ihnen vermutlich auch.<\/p>\n<p>Michael experimentiert also mit der menschlichen, meist m\u00e4nnlichen Figur, ihrem \u00c4u\u00dferen und Inneren, dort typischen Leiden, die den \u00e4lteren Menschen an Auge, Ohr, H\u00fcfte und Knie befallen. Und dann noch der Tremor in den H\u00e4nden. Hier spielt Autobiographie mit, aber als jemand, in dessen linkem Knie \u00fcberhaupt keine Knorpel mehr sind, kann ich da leider mithalten.<\/p>\n<p>Michael treibt seine Experimente weiter, l\u00e4sst die menschliche Figur auf dem lein\u00f6lgetr\u00e4nkten Papier nur in Umriss-Linien, manchmal mit angedeuteten inneren Organen, erscheinen und konzentriert sich dann auf den Kopf. Diesen abstrahiert er weiter, bis Augen, Nase, Mund fast zum piktogrammartig-dekorativen, grafischen Zeichen werden. Bei aller Zeichenhaftigkeit behalten die Gesichter noch immer emotionalen Ausdruck.<\/p>\n<p>Dann setzt Michael seine Experimente fort. Er bewegt sich als Grenzg\u00e4nger zwischen Figuration und Abstraktion, entwirft Farblandschaften, in die menschliche K\u00f6rper, Gesichter eingebettet sind, mit Linien und Farbfl\u00e4chen verschmelzen, Teil von angedeuteten Wegen sind und Landschaften werden. Seine Farben gewinnen immer mehr an Intensit\u00e4t und so eine Art von sinnlicher Harmonie im Ausprobieren von Farbkonstellationen und Farbfl\u00e4chen. Er wechselt Strategien und Perspektiven, pendelt zwischen \u00dcberg\u00e4ngen von Figuration zu reinen Farbexperimenten in Fl\u00e4chen und Linien.<\/p>\n<p>Wir haben zu dritt die Bilder dieser Ausstellung gemeinsam ausgesucht: Michael, Inge und ich. Als wir auf jenes Bild stie\u00dfen, das er \u201eCaf\u00e9 Basico\u201c betitelt hatte, waren wir sofort und schlagartig \u00fcberzeugt, dass es das Titelbild f\u00fcr Plakat und Ausstellung werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nun kann jeder der hier Anwesenden mit dem \u201eCaf\u00e9 Basico\u201c etwas anfangen, braucht nur \u00fcber die Gleise zum ehemaligen Lokschuppen zu blicken, der mehr als blo\u00dfes Caf\u00e9, mittlerweile zu einem Zentrum der Tango-Tanzkultur geworden ist.<\/p>\n<p>Dieses Bild strahlt viel von der Sinnlichkeit, Eleganz und den Bewegungen des Tangos aus. Es animiert unsere Fantasie, regt uns an, so ein Tango-Paar vor dem inneren Auge zu sehen, wie es sich dreht, die Beine \u00fcbereinander schl\u00e4gt, sich aneinander schmiegt und wieder trennt: Verlockung, Begehren, Verf\u00fchrung: geb\u00e4ndigt im streng definierten Zeremoniell der Schritte, Hebungen, Drehungen.<\/p>\n<p>Als Inge dieses Bild erblickte, rief sie sofort aus: \u201eMichael, das erinnert ja voll an Sam Francis!\u201c Und Michael: \u201eH\u00e4, an wen, Sam Francis, wer ist das, kenn\u2018 ich nicht?\u201c Der kunsthistorische Autodidakt wird sichtbar. Er kennt Sam Francis nicht, hat nie von ihm geh\u00f6rt. Wir lachen, aber nicht schadenfroh, sondern richtig froh: dass er so ganz von sich aus zu Farbkompositionen gefunden hat, die \u00e4hnlich elegant, meisterlich komponiert, experimentelle Farbkonfigurationen sind, wie sie auf vielen Bildern des weltber\u00fchmten Amerikaners zu finden sind: alle Achtung.<\/p>\n<p>Inzwischen hat Michael nat\u00fcrlich, wie man das heute so macht, ausf\u00fchrlich Sam Francis gegoogelt und gesehen, das da tats\u00e4chlich Verwandtschaften im malerischen Experiment und der Kompositionsweise von Bildern bestehen. F\u00fcr mich ist er der Grund, heute meine von Sam Francis gestaltete Krawatte anzuziehen, in einer Zeit, da eigentlich niemand au\u00dfer Politikern und Fernsehmoderatoren mehr Krawatten tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Michael Schumann experimentiert auch mit immer neuen \u00dcbermalungen seiner Leinw\u00e4nde. Was wir vor Weihnachten noch als pure, abstrakte Farbfl\u00e4chen, als Ausprobieren von Kontrasten oder farbpsychologisch gesehen, aufeinander abgestimmte Farbkompositionen gesehen haben, entpuppt sich wenige Wochen sp\u00e4ter als Gem\u00e4lde, deren Konturen r\u00e4umliche Tiefe, gewinnen, ja sogar wieder menschliche K\u00f6rperteile als Kompositionselemente mehrdeutiger Fl\u00e4chen verwenden.<\/p>\n<p>Und dann f\u00fchrt er pl\u00f6tzlich Schriftelemente in Farbfl\u00e4chen ein, deutet R\u00e4ume mit wenigen Linien an, zwingt damit Auge und Fantasie, das Sichtbare im Kopf zu R\u00e4umen zu erg\u00e4nzen oder er l\u00e4sst schlie\u00dflich Linien und Farbflecken sich poetisch zur Blumenwiese verwandeln.<\/p>\n<p>Immer muss dabei das Gehirn aktiv werden. Mit blo\u00dfer Glotz-Passivit\u00e4t ist da kein Blumentopf zu gewinnen, geht man aber mit Entdeckerlust und Sp\u00fcrsinn an die Bilder heran, kommt Freude auf, weil man als Betrachter selbst kreativ werden muss. So gelingt der Dialog zwischen K\u00fcnstler und Betrachter.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler versteht sich ja, wie der Architekt, gern als Demiurg, als Weltenbauer. Die Welten, die Michael Schumann baut, sind vital, poetisch, sinnenfroh und er schl\u00e4gt damit dem Alter, dem Gevatter Tod, ein Schnippchen.<\/p>\n<p>Unsere Ausstellung beginnt mit dem Bild der Leiden des Menschen im Alter, sie endet mit Orpheus. Als eine der vielschichtigsten, poetischsten und zugleich tragischsten Figuren der griechischen Mythen- und Sagenwelt verk\u00f6rpert Orpheus Musik, Tanz, unbedingte Liebe, Bekenntnis zum Leben und die finale Erkenntnis, dass der Tod letztlich nur durch Kunst \u00fcberwunden werden kann. Folglich hat Michael seine Eurydike direkt neben Orpheus h\u00e4ngen lassen und damit hat er Ingeborg wieder in der Kunst und als Kunst zum Leben erweckt. Daneben nur noch eine Welt des Blaus, Ertrinken im Blau des Himmels und im Blau des Meeres.<\/p>\n<p>Von der antiken Vasenmalerei bis zur modernen Fernsehserie haben sich alle nur erdenklichen K\u00fcnste der Geschichte von Orpheus und seiner Gemahlin Eurydike angenommen, die er aus der Unterwelt des Todes ins Leben zur\u00fcckholen wollte. Orpheus konnte so ergreifend singen, erz\u00e4hlt die Sage, dass er selbst die Felsen zum Weinen brachte.<\/p>\n<p>Michael, dies ist eine sch\u00f6ne, gelungene Ausstellung und Du bereitest uns mit ihr Freude und Genuss an Deinen Bildern. Aber weinen m\u00fcssen wir deshalb nicht, es sei denn, jemand kann seine Freudentr\u00e4nen nicht zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann0.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-223\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann0-300x200.jpg\" alt=\"Schumann0\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann0-300x200.jpg 300w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann0-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann0.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Schumann1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-224\" 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\/><\/a><\/p>\n<p>BLUMENSTRAUSS<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Schumann:\u00a0 Experimentator zwischen Figuration und Abstraktion Da lebt man der der Uni jahrzehntelang nebeneinander her, wei\u00df einer vom anderen, dass es ihn gibt, kennt sich aber nicht. 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