{"id":135,"date":"2016-08-05T07:11:00","date_gmt":"2016-08-05T07:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/christian-w-thomsen.de\/?page_id=135"},"modified":"2024-03-15T13:06:55","modified_gmt":"2024-03-15T13:06:55","slug":"ausstellung-rudolf-bieler-und-dorothee-jasper-naschbilder-und-reisetrouvaillen-kulturbahnhof-kreuztal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?p=135","title":{"rendered":"Ausstellung &#8222;Rudolf Bieler und Dorothee Jasper  &#8222;Naschbilder und Reisetrouvaillen&#8220;, Kulturbahnhof Kreuztal"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Dok11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"217\" height=\"300\" class=\"alignnone size-medium wp-image-189\" alt=\"Dok1\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Dok11-217x300.jpg\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Dok11-217x300.jpg 217w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/Dok11.jpg 599w\" sizes=\"(max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><br \/>\nAusstellung im &#8222;kulturbahnhof kreuztal&#8220; &#8211; 23.6. &#8211; 18.9.2016 &#8211; Vernissage: 23.6. um 19 Uhr<\/p>\n<p><strong>DER NASCHKATER UND DIE MAGIERIN<\/strong><\/p>\n<p>Anmerkungen zu Rudolf Bielers und Dorothee Jaspers &#8222;Naschbildern und Reisetrouvaillen&#8220;<\/p>\n<p>Die Nummer XXXII im Rahmen unserer Kulturbahnhofsausstellungen pr\u00e4sentiert ein Novum. Zum ersten Mal stellt ein Ehepaar gemeinsam aus: Rudolf Bieler neueste &#8222;Naschbilder&#8220; und seine Frau Dorothee Jasper Objektk\u00e4sten und Reisealt\u00e4re. Beide sind waschechte Siegerl\u00e4nder mit Schreinern als unmittelbare Vorfahren. Das erkl\u00e4rt bereits manches an ihren Vorlieben des Konstruierens und Gestaltens mit Holz. Rudolfs Vorfahren allerdings sind, wie viele andere, schon im 17. Jahrhundert aus Tirol eingewandert, w\u00e4hrend die von Dorothee seit Menschengedenken und weit dar\u00fcber hinaus, mit wenigen Sauerl\u00e4nder Einsprengseln, Lehrer, Pastoren und Schreiner im Siegerland gewesen sind. In diesem Familienberuf arbeitet auch Sohn Felix, zurzeit in Vancouver und auf Vancouver Island.<\/p>\n<p>Vor 25 Jahren haben die beiden schon einmal eine Ausstellung gemeinsam bestritten, die Er\u00f6ffnungsausstellung des Siegener Kultur!B\u00fcros mit dem poetischen Titel &#8222;Salamanderspazierg\u00e4nge und Bienenvergn\u00fcgen&#8220;. Rudolf war seither als Musiker mit verschiedenen Bands und Ausstellungen seiner Bilder eigentlich stets ein Bestandteil der Siegener Kunstszene, wenn auch nicht an vorderster Stelle, doch die Autodidaktin Doro machte sich nach den 90er Jahren im Gegensatz zu ihrem malerei- und graphikstudierten Mann rar, ja als K\u00fcnstlerin unsichtbar. Sie betreibt gemeinsam mit einer Kollegin in der Oberstadt die Boutique &#8222;Kolibri&#8220;. Einer muss in einer K\u00fcnstlerehe schlie\u00dflich das Geld verdienen. Meine Frau Inge kauft dort seit vielen Jahren einen Teil ihrer Garderobe und ich ihr bald jedes Jahr eine modische Kette. Die werden immer erst mit Vergn\u00fcgen an Doros Hals ausprobiert.<\/p>\n<p>Als ich Rudolf vor zwei Jahren f\u00fcr den Kulturbahnhof nominierte, waren es seine narrativen, seriellen, emblematischen vielfarbigen, poetisch-versponnenen Naschbilder mit ihrer wiederkehrenden Zeichensprache und ihrem hintergr\u00fcndig skurrilen Humor, die mich dazu bewogen. Als wir uns dann vor drei Monaten trafen und er mir er\u00f6ffnete, dass er gemeinsam mit Doro diese Ausstellung beschicken wolle, habe ich mich unb\u00e4ndig gefreut.<\/p>\n<p>Denn ich habe den Fortgang von Doros Arbeiten viele Jahre lang vermisst und konnte mir nicht vorstellen, dass sie der Kunst endg\u00fcltig Adieu gesagt habe. Hat sie auch nicht ganz, sondern sie werkelte quasi im Verborgenen. Wir besitzen aus den 90er-Jahren vier Arbeiten von ihr, die mir in besonderer Weise ans Herz gewachsen sind. Eins tr\u00e4gt den Titel <em>Unterwasser-Radio<\/em>. Es ist auch das Titelbild des <em>Einblick<\/em>-Katalogbandes des Kreises Siegen-Wittgenstein von 1991. Das einem alten Vorkriegs-Volksempf\u00e4nger-Radio nachgebildete, offene Holzger\u00fcst tr\u00e4gt auf seinem nagelbest\u00fcckten, runden R\u00fccken viele kleine Fische und in seinem offenen Inneren einen wundersch\u00f6nen, mittelgro\u00dfen Fisch mit Glotzaugen und ge\u00f6ffnetem Maul. Urspr\u00fcnglich war es ein K\u00e4mmbrett f\u00fcr Felle aus der Gerberei von Theo J\u00fcngst in Eschenbach. Das ist nicht nur h\u00f6chst anschaulich ein Paradox, der unter Wasser singende Fisch, es evoziert auch sofort Christian Morgensterns Gedicht &#8222;Fisches Nachtgesang&#8220;. Das ist eigenwillig humorvoll und zeugt von einer individuell gepr\u00e4gten, naturnahen \u00c4sthetik, die auch die Partner Rudolf und Dorothee eng verbindet.<\/p>\n<p>Die drei anderen Arbeiten in unserem Besitz sind ebenfalls aus Natur- und Gebrauchsfundst\u00fccken komponierte Artefakte. Das eine ist ein Schlangennest mit H\u00e4utungsresten ihrer ehemaligen Bewohnerin. Es evoziert sofort, Nest, Geborgenheit, Wiedergeburt, Geheimnis, leichtes Gruseln, so man Angst vor&nbsp; Schlangen hat, aber auch einen Anteil von Geheimnis und Magie.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste ist ein auf einem kleinen Brett befestigtes St\u00fcck Kaninchenfell, an dem, fein zusammengerollt, mindestens 100 alte Brieffragmente h\u00e4ngen. Immer wieder habe ich \u00fcber Jahrzehnte dieses Fell gestreichelt, \u00fcber die Buchstabenfragment-R\u00f6llchen ger\u00e4tselt.<\/p>\n<p>Das letzte schlie\u00dflich stellt einen Kopf dar, der aus einem Siegerl\u00e4nder Blaubeer-Rechen geformt ist, dem zwei umgedrehte Teesiebe als Augen dienen, ein Holzst\u00fcck als Nase und ein halbierter, offener Fischr\u00fccken als Mund, in dem ein St\u00fcck Schlangenhaut Kiefer und Z\u00e4hne bildet. <em>Springtime Diagrammsequenzen \/ H\u00e4utungen<\/em> nannte sich denn auch die von der Galerie meiner Frau Inge 1999 kuratierte Ausstellung von Werken der beiden in der IHK Siegen.<\/p>\n<p>Trouvaillen sind bekanntlich nichts anderes als triviale Fundgegenst\u00e4nde, gefunden auf Reisen, auf Wanderungen, Spazierg\u00e4ngen, bei der Arbeit etc., die urspr\u00fcnglich mit Kunst nichts zu tun haben. Im Umkreis des Dadaismus und des Surrealismus aber bildeten sie, in neue Sinnzusammenh\u00e4nge \u00e4sthetisch eingebunden und ver\u00e4ndert, schlie\u00dflich eine wichtige, spielerische, hintergr\u00fcndige und auch oft provozierende Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts, n\u00e4mlich die &#8222;objets trouv\u00e9s&#8220;. Sie stehen als skulpturale Erweiterung der Collage mit oft fetischartigem Charakter, f\u00fcr Namen wie Meret Oppenheim und Marcel Duchamp.<\/p>\n<p>In dieser Richtung sind auch die Arbeiten Dorothee Jaspers kunsthistorisch zu verorten, was f\u00fcr unsere heutige Ausstellung lediglich als Orientierungsbasis dienen mag. Uns interessiert, was Dorothee aus den Zufallsfunden ihrer Reisen und Erkundungsspazierg\u00e4nge im Siegerland gemacht hat, wie sie die Funde arrangiert, mit Bedeutung und \u00e4sthetischem Reiz aufgeladen hat.<\/p>\n<p>Doch lenken wir unser Augenmerk zur\u00fcck auf Rudolf Bieler. Dass ein vielseitig praktizierender Musiker-Maler in seiner Malerei musikalische Themen aufnimmt, seine Malerei musikalisch inspiriert ist, wird niemanden verwundern. In diesem Zusammenhang sind mir die Hommage-Bilder zu &nbsp;Mauricio Kagel aus der IHK-Ausstellung von 1999 in bester Erinnerung: rhythmisch-swingend, spielerisch, poetisch, sensibel, farbig, dynamisch. Ich h\u00e4tte am liebsten eine ganze Serie von ihnen gekauft. Aber wenn die Kinder noch im Studium sind, fehlt dazu mitunter das n\u00f6tige Kleingeld.<\/p>\n<p>Doch auch damals tauchte bereits unser heutiges Thema des Naschens auf. Naschen ist ja eine besondere Variante eines lebensnotwendigen Bed\u00fcrfnisses, n\u00e4mlich des Essens. Es hat mit Freude und Genie\u00dfen zu tun, vornehmlich S\u00fc\u00dfem, zu stibitzen und zu genie\u00dfen. Wer von uns hat da keine Erinnerung an die Kinderzeit? Aber Alter sch\u00fctzt vor Naschlust nicht! Und die Lust-Komponente geh\u00f6rt ebenfalls dazu. An dieser Stelle muss es heraus, Rudolf ist der Koch in der Familie. Er kocht t\u00e4glich frisch und mit Begeisterung.<\/p>\n<p>In den Folgejahren entwickelte Rudolf das Naschen zu einem seiner malerischen Zentralthemen, f\u00fcr das er eine eigene Bildsprache erfand. Sie besteht zum Einen aus, wie auch immer verfremdeten, skripturalen Elementen, in denen der Grafiker Rudolf Bieler gewisserma\u00dfen, wenn nicht zu Worte, so doch zu Bilde kommt. Zum anderen tauchen merkw\u00fcrdige Fisch-Vogel-Mensch-Wesen auf, K\u00f6pfe, aber auch Kopffragmente und vor allem Augen, die meist an Trichtern nippen, saugen, schlecken. Oder es str\u00f6mt in diese Trichter hinein, die damit zum vieldeutigen Symbol werden. Farbig, bewegt, voller Schwung, mit sehr vielen Blau-, Lila-, Rot- und Gelbt\u00f6nen geht es quirlig, str\u00f6mig um diese Trichter herum zu.<\/p>\n<p>Wir alle kennen ja das sprichw\u00f6rtliche &#8222;Eintrichtern&#8220;, meist von Wissen oder Verhaltensregeln, und das dazugeh\u00f6rige Sprichwort &#8222;auf den Trichter kommen&#8220;. Wir erinnern uns u. U. auch dunkel daran, dass dies etwas mit N\u00fcrnberg und einem &#8222;N\u00fcrnberger Trichter&#8220; zu tun hat.<\/p>\n<p>Der &#8222;N\u00fcrnberger Trichter&#8220; war denn auch im 19. Jahrhundert eine von Franz Trautmann ab 1849 herausgegebene, humoristisch-satirische Zeitschrift. Das Sprichwort geht aber viel weiter zur\u00fcck, n\u00e4mlich bis auf die Zeit unmittelbar nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, als 1647 der N\u00fcrnberger Dichter Harsd\u00f6rfer eine Poetik ver\u00f6ffentlichte, der er den Titel gab: &#8222;Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p>So ist der Trichter f\u00fcr Rudolf Kelch und Nektar-Tankstelle des Naschens und Einsaugens, aber auch des Einstr\u00f6mens und Verdichtens von Wissen, Farbe, Genuss, kurz von Welt, die mit allen Sinnen, vor allem aber auch dem Geschmack und dem Auge wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Als wir uns am 17. Februar 2016 im Hause Bieler \/ Jasper trafen, um zu schauen, was da an ausstellungsw\u00fcrdigen Arbeiten beider vorhanden sei, da stie\u00dfen wir auf eine Vielzahl gro\u00df- und mittel-formatiger Naschbilder, mit denen man gut zwei Ausstellungen h\u00e4tte best\u00fccken k\u00f6nnen, auf z\u00e4rtlich-poetische, skurrile Tage &#8211; und Skizzenb\u00fccher sowie auf zwei wunderbar mit absonderlichsten, feinen Fundst\u00fccken zu Reisealt\u00e4ren komponierte Objektk\u00e4sten von Doro, die uns geradezu bezauberten. &#8222;Bis zur Ausstellung machen wir aber noch einiges&#8220;, versprachen beide.<\/p>\n<p>Als wir uns dann am 8. Juni erneut trafen, um \u00fcber die endg\u00fcltige Auswahl f\u00fcr die Kreuztaler Ausstellung zu befinden, da verschlug es Inge und mir zun\u00e4chst die Sprache. Doro hatte 10 themenbezogene Objektk\u00e4sten geschaffen, als Reisetrouvaillen und -alt\u00e4re zum Schutz vor Neid und Missgunst, b\u00f6sem Blick, Gier, L\u00e4rm, Finsternis, Reichtum, V\u00f6llerei, Krankheiten, Nervenschw\u00e4che und vor religi\u00f6sem Fanatismus. Dazu kamen noch sechs Einzelskulpturen mit den Titeln &#8222;Neidkopf&#8220;, &#8222;Gebetsm\u00fchle&#8220;, Bes\u00e4nftigung des Schwarzwaldes&#8220;, &#8222;Leidensweg&#8220;, Elektrischer Liebestauscher&#8220; und &#8222;Pilgerdank&#8220; .<\/p>\n<p>Sie alle nutzen, wie sie jetzt sehen k\u00f6nnen, die Inventarteile eines Bienenhauses f\u00fcr K\u00e4sten, hinter deren Glasscheiben Doro eine Vielzahl von Fundst\u00fccken aus Natur, Technik und Alltag mit ungeheurer Subtilit\u00e4t und vollendet harmonischer \u00c4sthetik, zudem mit hintersinnigem Humor und handwerklichem Geschick jeweils themenbezogen zu sinnvollen Einheiten arrangiert hat.<\/p>\n<p>Im <em>Einblick<\/em>-Jahreskatalog <em>Kunstlandschaft Siegen-Wittgenstein <\/em>des Landkreises aus dem Jahr 1994 findet sich eine ironische Selbstinterpretation der seinerzeit 22 Jahre j\u00fcngeren K\u00fcnstlerin. Dort sagt sie: &#8222;In erster Linie besch\u00e4ftige ich mich mit dem Suchen, Auffinden und Zusammensetzen von Dingen. Diese m\u00fcssen wie folgt aussehen: schuppig, schwammig, schimmelig, schl\u00fcpfrig, blasig, bauchig, buschelig, blaugestiefelt, knorpelig, knollig, keulig, klebrig, kugelig, gebuckelt, glibberig, glasig, lappig, wellig, wollig, waberig, wachsig, plissiert und puschelig, zuselig, zackig, sparrig, spindelig und vor allem spinnert.&#8220;<\/p>\n<p>Das umfasst einen ganzen Kosmos von Dingen und Eigenschaften, die insbesondere haptisch und olfaktorisch sind. Neben Naturformen verraten sie auch schon die Neigung zu Mode und bezeugen insgesamt einen Drang zu Eigenschaften und Gegenst\u00e4nden, die im landl\u00e4ufigen Sinne eher f\u00fcr un\u00e4sthetisch gehalten werden. und nicht g\u00e4ngigen Sch\u00f6nheitsidealen entsprechen.<\/p>\n<p>Die Dorothee von heute gr\u00e4bt tiefer und ist reifer geworden, ohne ihre alten Vorlieben verloren zu haben. Sie r\u00fchrt an uralte animistische Seinsweisen, die verdeckt und vorchristlich in unser aller Inneren und Unterbewusstsein lagern. Wenn die Themen ihrer K\u00e4sten auf den ersten Blick auch als k\u00fcnstlerische Darstellung der 7 Tods\u00fcnden des Katholizismus anmuten, mit denen sie ohne Zweifel zu tun haben, so verbildlicht und vergegenst\u00e4ndlicht Doro doch Ur\u00e4ngste, die in uns lauern. Sie evoziert mit Fetischen, geheimnisvoll mehrdeutigen und magischen Gegenst\u00e4nden seelische Schutz- und Abwehrmechanismen gegen Bedrohungen und das B\u00f6se, die wir im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte ausgebildet haben, um uns gegen physische und psychische Attacken von innen und au\u00dfen zu wappnen.<\/p>\n<p>So ist eine gewissen feminine und katholische Religiosit\u00e4t durchaus in manchen von Doros Arbeiten zu sp\u00fcren, gepaart jedoch mit Schichten, die viel archaischer sind als das Christentum.<\/p>\n<p>Hat man sich, wie ich, ein Leben lang h\u00e4ufig mit den Religionen anderer V\u00f6lker besch\u00e4ftigt, vor allem solcher die man noch vor relativ kurzer Zeit mit eurozentrischer Arroganz als Naturv\u00f6lker bezeichnete, so k\u00f6nnen einem schon die Ohren klingen und die Augen schmerzen. Blickt man z. B. durch die Sicht moderner indianischer Autoren wie Thomas King oder Thomson Highway auf das monotheistische Christentum, oder spricht mit kunstsinnigen, indianischen Museumsdirektoren wie Gerald McMasters, so erscheint da das Christentum im Blick von au\u00dfen als reichlich absurdes, patriarchalisches Rollenspiel. Die Autoren ironisieren seine dreieinige m\u00e4nnliche Gottheit, deren einer Teil auch noch virtuell ist und als Geist mit einer Jungfrau einen Gottessohn zeugt, der in einen imagin\u00e4ren Himmel auf einem imagin\u00e4ren Thron sitzt, w\u00e4hrend eine den meisten Religionen selbstverst\u00e4ndliche Muttergottheit \u00fcberhaupt nicht vorkommt.<\/p>\n<p>Vor Jahren hielt ich in Vancouver einen sechsw\u00f6chigen Shakespeare-Sommerkurs. Jeden Tag sechs Stunden. Shakespeare ist f\u00fcr alle da. Unter meinen Studenten waren auch mehrere Westk\u00fcsten-Indianer, zwei Eskimos und drei Fidschi-Insulaner. Als wir an <em>Macbeth<\/em> mit all der Zauberei und den Hexen und b\u00f6sen Geistern kamen, die im St\u00fcck ihr Unwesen treiben, da gerieten meine Fidschis ganz aus dem H\u00e4uschen. Sie f\u00fchlten sich wie in ihrem heimischen Voodoo-Glauben mit seinen Fetischen und Zauber-Zeremonien. F\u00fcr sie war das religi\u00f6ser Alltag.<\/p>\n<p>Schauen Sie daraufhin Doros Triptychon &#8222;Bes\u00e4nftigung des Schwarzwaldes&#8220; an, wobei Schwarzwald als Metapher f\u00fcr all jene dunklen \u00c4ngste und D\u00e4monen der Finsternis in und um uns steht, die es zu bannen gilt. Meine Fidschis h\u00e4tten ihre helle Freude an den vielen Fetischen, Amuletten, Schl\u00fcsseln, Ketten, Ringen, Knochen, H\u00f6rnern gehabt, die da von Doro in das Kost\u00fcm einer furchteinfl\u00f6\u00dfenden Skulptur eingearbeitet sind. Das Werk ortet \u00c4ngste und D\u00e4monen in den Tiefen der schwarzen W\u00e4lder und spielt darauf an, dass sie sogar unter den Trachten und Kopfputzfassaden schmucker Schwarzw\u00e4lderinnen zu lauern verm\u00f6gen. Hier mischen sich Magie, Ernst, Spiel und Humor.<\/p>\n<p>Oder nehmen Sie jene schwere, eiserne Schuh-Skulptur mit dem Titel &#8222;Der Leidensweg&#8220;. Sie strahlt archaische Wucht aus. Der alte Schuster-Leisten suggeriert, was so ein Schuh alles erlebt und erlitten haben mag, als Arbeiter-, Bauern-, Pilgerschuh. Doro hat ihn zu einer vielschichtigen Skulptur erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Christian Morgensterns Gedicht &#8222;Das Knie&#8220; kommt mir in den Sinn. Sie brauchen nur &#8222;Knie&#8220; durch &#8222;Schuh&#8220; zu ersetzen und dann lautet es wie folgt:<\/p>\n<p>Ein Schuh geht einsam durch die Welt,<br \/>\nEs ist ein Schuh, sonst nichts!<br \/>\nEs ist kein Baum! Es ist kein Zelt!<br \/>\nEs ist ein Schuh, sonst nichts.<\/p>\n<p>Im Kriege ward einmal ein Mann<br \/>\nerschossen um und um.<br \/>\nDer Schuh allein blieb unverletzt-<br \/>\nals w\u00e4r&#8217;s ein Heiligtum.<\/p>\n<p>Seitdem gehts einsam durch die Welt.<br \/>\nEs ist ein Schuh, sonst nichts.<br \/>\nEs ist kein Baum. Es ist kein Zelt.<br \/>\nEs ist ein Schuh, sonst nichts.<\/p>\n<p>Ein Schuh, jedoch von so absolut eindringlicher \u00e4sthetischer \u00dcberzeugungskraft, dass in ihm Verg\u00e4nglichkeit und Geschichte zur Gegenwart werden.<\/p>\n<p>Und nun zu Rudolf. Der hat uns mindestens ebenso verbl\u00fcfft wie seine Frau. Statt eine Auswahl der mir bekannten Bilder zu pr\u00e4sentieren, hat er in jener kurzen Zwischenzeit von drei Monaten Serien v\u00f6llig neuer Naschbilder, darunter viele mit ganz ungewohnten, collagierenden Ans\u00e4tzen geschaffen.<\/p>\n<p>Da sind einmal jene zu Viererbl\u00f6cken zusammengefassten kleinen Formate von opulenter Farbigkeit mit vielen skripturalen Elementen, gemalt \u00fcbrigens auf Fastfood-Papptellern, sie spr\u00fchen geradezu vor Dynamik und Naschlust, dann in ihrem Zentrum befindet sich stetes jener emblematische Naschvogel (oder Menschenkopf?), der Leckeres aus Glasr\u00f6hren zu saugen sich anschickt. Dominiert aber werden die Bl\u00e4tter von r\u00e4tselhaften Schrift- und Graphikfragmenten.<\/p>\n<p>Eine weitere Serie mittelgro\u00dfer Bl\u00e4tter thematisiert Vogel- und Menschfiguren des Naschens an sich, der z. B. seine lange, an der Spitze einrollbare Zunge, wie wir das von kleinen Reptilien und Insekten kennen, aus dem Mund herausschnellen l\u00e4sst, um damit K\u00f6stliches aus Trichtern und Glasphiolen zu saugen. Auch hier wieder geradezu wuchernde Elemente von Schriftfragmenten.<\/p>\n<p>Die dritte neue Serie birgt die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung von allen. Rudolf hat sich alte Stiche von Ansichten und Pl\u00e4nen ber\u00fchmter St\u00e4dte besorgt, als da z. B. sind Bozen, Z\u00fcrich, Reims, Strasbourg, Den Haag, Wien. Diese Schwarz-Wei\u00df-Stiche \u00fcbermalt und collagiert er mit farbigen Naschmotiven, kombiniert sie aber auch mit Fotografien von Torten und Kuchen&nbsp; aus alten Nachkriegs-Kochb\u00fcchern. Das ergibt verbl\u00fcffende Effekte. Die &#8222;Food-Fotografie&#8220; ist ja mittlerweile zu einer fotografischen Spezialdisziplin mutiert, bei der mit ungeheurem technischen, Licht- und Material-Aufwand den Konsumenten Schleckerparadiese aus und in jedem Leberk\u00e4s&#8216;- und Fruchtsalat vorgegaukelt werden. Die Fotos aus den alten Koch- und Backb\u00fcchern sind dagegen noch ganz ehrlich, naiv, ungeschminkt und nicht k\u00fcnstlich bearbeitet. Sie strahlen damit Anmut, Charme und unverstellte Direktheit aus. Indem Rudolf sie nun mit den Ansichten ber\u00fchmter St\u00e4dte kombiniert und collagiert, in denen es ja immer spezifische kulinarische und Back-Spezialit\u00e4ten gibt, ergeben sich f\u00fcr den Betrachter Assoziationen, die ihm das Wasser im Munde zusammen laufen lassen.<\/p>\n<p>Rudolf ist schlie\u00dflich auch Mitglied im Dr. Oetker-Backclub, wodurch er stets neue Rezepte und Anregungen f\u00fcr Naschereien erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Rudolf Bieler und Dorothee Jasper haben sich in ihrer Liebe zur Natur und zum Kochen in ihrem Haus und Garten und mit ihrer vielseitigen k\u00fcnstlerischen Arbeit ihr eigenes Paradies an Gl\u00fcck und Zufriedenheit geschaffen.<\/p>\n<p>Shakespeare unterscheidet in seinem letzten St\u00fcck, dem gro\u00dfartigen <em>Sturm<\/em> (<em>The Tempest<\/em>), zwischen schwarzer und wei\u00dfer Magie. Die schwarze beschw\u00f6rt Unheil, bedient die niedrigen, verbrecherischen Instinkte im Menschen, die wei\u00dfe Magie hingegen bewahrt, sch\u00fctzt und weckt zum Guten.<\/p>\n<p>So vereinen sich der Profi-Naschkoch-Musiker-Maler Rudolf und die Modefrau-Klein-Unternehmerin und Objektk\u00fcnstlerin Dorothee im Wissen um all die Irritationen und Unbilden des Lebens mit ihrer wei\u00dfen Magie zu einem Paar, das sich seine heile Welt inmitten aller allt\u00e4glichen Turbulenzen zu bewahren versteht. Und mit ihrer Kunst werden beide hoffentlich auch Ihnen Einsichten, Vergn\u00fcgen und \u00e4sthetischen Genuss bereiten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/IMG_9726.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" class=\"alignnone size-medium wp-image-136\" alt=\"IMG_9726\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/IMG_9726-300x200.jpg\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/IMG_9726-300x200.jpg 300w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/IMG_9726-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/thumb_SNB10097_1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"225\" height=\"300\" class=\"alignnone size-medium wp-image-177\" alt=\"thumb_SNB10097_1024\" 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href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/thumb_SNB10105_1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"alignnone size-medium wp-image-180\" alt=\"thumb_SNB10105_1024\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/thumb_SNB10105_1024-300x225.jpg\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/thumb_SNB10105_1024-300x225.jpg 300w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/thumb_SNB10105_1024.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Bilder der Ausstellung<\/strong><\/p>\n\n\t\t<style type=\"text\/css\">\n\t\t\t#gallery-1 {\n\t\t\t\tmargin: auto;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-item {\n\t\t\t\tfloat: left;\n\t\t\t\tmargin-top: 10px;\n\t\t\t\ttext-align: center;\n\t\t\t\twidth: 33%;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 img {\n\t\t\t\tborder: 2px solid #cfcfcf;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-caption {\n\t\t\t\tmargin-left: 0;\n\t\t\t}\n\t\t\t\/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n\t\t<\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-135 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?attachment_id=194'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/SNB101061-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/SNB101061-150x150.jpg 150w, https:\/\/christian-w-thomsen.de\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/SNB101061-260x260.jpg 260w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?attachment_id=195'><img 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Zum ersten Mal stellt ein Ehepaar gemeinsam aus: Rudolf Bieler neueste &#8222;Naschbilder&#8220; und seine Frau Dorothee&#8230; <\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/?p=135\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135"}],"collection":[{"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=135"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":393,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/135\/revisions\/393"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christian-w-thomsen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}